Nachhaltigkeit in der Medienbranche

Hochschule der Medien Stuttgart gründet das Sustainable Media Institute

Das Thema Nachhaltigkeit beeinflusst alle gesellschaftlichen Bereiche. Unter andrem auch die unterschiedlichsten Medienbranchen: Filmproduktion, IT, Druck- und Verpackungstechnik, Kommunikation. Die Hochschule der Medien in Stuttgart will in Zukunft im sogenannten SUMI „Sustainable Media Institute“ Expertise zu Nachhaltigkeit im Medienbereich bündeln. Die Professoren Rolf Jäger, Jan Adamczyk und Boris Michalski im Interview.


Mit dem SUMI vereinen Sie Expertise aus diversen Medienbranchen wie zum Beispiel IT, Filmproduktion, Druck- und Verpackungstechnik. Was genau war der ausschlaggebende Impuls, welcher zur Gründung des Instituts geführt hatte?

Michalski: Ein wichtiger Impuls war, dass wir im SUMI die Kompetenzen der verschiedenen Studiengänge und deren Professoren und Professorinnen aus allen Bereichen der Medienkonzeption, Produktion und Distribution/Rezeption bündeln wollen und gemeinsame Projekte aus diesen Perspektiven entwickeln.


Welche Medienbranchen wollen Sie ansprechen?

Jäger: Eigentlich wollen wir uns hier gar nicht festlegen. Wir sprechen alle medienproduzierenden Branchen und Unternehmungen an und besonders spannend könnte ja gerade die interdisziplinäre Sichtweise sein. Aber natürlich hat jeder von uns seine Schwerpunkte.

Adamczyk: Dadurch, dass wir in dem Institut über alle drei Fakultäten aufgestellt sind, haben wir einen guten Zugang zu einer großen Bandbreite an Medienbranchen. Genauso breit aufgestellt, wie unsere Vernetzung in die Medienbranchen, ist auch unser Wunsch nach einem Weitblick der Nachhaltigkeit. So wollen wir uns nicht nur auf ökologische Nachhaltigkeit beschränken, sondern wollen uns auch mit den Belangen der sozialen Nachhaltigkeit in der Medienbranche beschäftigen. Weiterhin ist uns bewusst, dass bei all diesen Gedanken um Nachhaltigkeit der Blick auf die Ökonomie vorhanden sein sollte. 

Wie soll das SUMI die Forschung langfristig unterstützen?

Michalski: Wir wollen intern mit den Studierenden und Kolleginnen Projekte in Lehre und Forschung zu den diversen Arenen der Nachhaltigkeit konzipieren und in die Hochschule implementieren. 

Jäger: Zum Beispiel entwickeln wir gerade eine Ringvorlesung zum Thema Nachhaltigkeit, die von allen Studierenden der HdM besucht werden kann.

Adamczyk: Extern wollen wir in den Dialog mit Industrie und Forschung gehen und in Kooperationen interdisziplinäre Verbundprojekte formulieren und durchführen.

Herr Adamczyk, Sie sind auch aktives Mitglied der Taskforce "Green in Animation" des Animation Media Cluster Region Stuttgart. Wo sehen Sie relevante Punkte in der Animations- und VFX Branche?

Adamczyk: In den letzten Jahren gelang es der MFG Baden-Württemberg durch den Arbeitskreis „Green Shooting“ den, in Deutschland ansässigen, Produktionsfirmen Maßnahmen zu mehr ressourcenschonenden Produktionsmethoden näherzubringen. Durch diese Maßnahmen können die, vor allem bei aufwändigen Filmproduktionen, verursachten Emissionen deutlich reduziert werden.

Im Gegensatz zu den logistisch aufwändigen Dreharbeiten kann in der Postproduktion alles weitgehend stationär und an einem festen Standort erledigt werden. Dies bringt auch gewisse Vorteile und Möglichkeiten zu einer ressourcenschonenden Produktion mit sich. Der Fokus der Betrachtung richtet sich hierbei auf die Funktionalität des Postproduktions-Gebäudes, die darin enthaltene und verwendete Technik und nicht zuletzt auf die Interaktion der Menschen in dem Betrieb.

Weiterhin kann die Animationsbranche durch technologische Innovationen auch einen direkten Einfluss auf die gesamte Produktionskette der Film und Medienproduktion erreichen. Als Beispiel sei hier die Weiterentwicklung im Bereich Virtual Produktion genannt.

Nun gilt es in dieser Arbeitsgruppe „Green in Animation“ zu erörtern, wie die Studios aus Baden-Württemberg zusammen Synergien entwickeln können, um diesen Weg weiterzugehen.

Herr Jäger, welche nachhaltigen Aspekte sind in der Verlagsbranche sowohl im digitalen E-Book als auch im Print-Bereich interessant? 

Jäger: Das beginnt im Print natürlich mit dem Papier, einem der größten Energieverbraucher: Wie setze ich diese Ressource sinnvoll ein? Recycling spielt hier eine große Rolle und die Zertifizierung von Papieren. Aber ebenso wichtig ist, wie wir in Zukunft Auflagen gezielter planen. Das Buch als CO2-Speicher? Nur eine verrückte Idee – oder tatsächlich ein berechenbarer Faktor?

Und natürlich hinterlässt auch das E-Book seine Spuren. Aber wie sehen die im Vergleich zum Print wirklich aus? Und ist es damit eine echte Alternative?

Verkommt der Begriff Nachhaltigkeit momentan zu einem Buzz- und Modewort?

Michalski: Nachhaltigkeit ist als Diskurs in die Mitte der Gesellschaft angekommen und wir müssen aufpassen, dass Nachhaltigkeit nicht nur als reines Labeling oder Aktionismus ohne Wesentlichkeit formuliert wird. Wir müssen vom Wissen in das Handeln kommen und Nachhaltigkeit als das neue Normal leben. Ohne Ablasshandel via Kompensationen, ohne Green Washing mit Pseudo-Aktionismus und vor allem sollten wir mit uns ehrlich sein, unsere bisherige Modelle auch mal komplett in Frage stellen und erkennen, dass wir neue Narrative brauchen.

Welche Entwicklung der Medienbranche wünschen Sie sich innerhalb der nächsten 10 Jahre? Sowohl in Hinblick auf Nachhaltigkeit als auch generell?

Michalski: Ich wünsche mir für die kommende Phase, dass alle Ebenen der Nachhaltigkeit in den Workflows der Medienbranche integriert und auch von den Stakeholdern wirklich akzeptiert werden, dass wir in der Transformation zu einer klimaneutralen Kultur- und Kreativbranche die Chancen sehen und den Weg dahin optimistisch beschreiten.

Vielen Dank für Ihre Antworten!
Das Interview führte Carina Drost. 


Die Autoren

Boris Michalski lehrt seit 2012 als Professor für Medien-Produktionsmanagement an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Vor seiner Professur realisierte er als Filmproduzent zahlreiche nationale und internationale Kino- und TV-Filme und wurde für seine Filmprojekte mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Boris Michalski ist Mitglied der Deutschen und der Europäischen Filmakademie. www.hdm-stuttgart.de/home/michalski Fotocredit: @Stiepel Photography


Rolf Jäger lehrt seit 2015 als Professor des Studienganges Mediapublishing an der Hochschule der Medien in Stuttgart und ist zuständig für den Bereich Print und ePublishing. Davor arbeitete Rolf Jäger 20 Jahre als Hersteller/Herstellungsleiter in wissenschaftlichen Verlagen. Er ist Mitglied der Typografischen Gesellschaft München und derzeit Vorsitzender der Herstellungsleitertagung.

https://www.hdm-stuttgart.de/home/jaegerr [Foto: HdM Stuttgart]

 

Jan Adamczyk lehrt seit 2018 als Professor Medien an der Hochschule der Medien in Stuttgart. In dem Studiengang Audiovisuelle Medien kümmert er sich um die Schwerpunkte VFX und den Bereich Animationsfilm. Vor seiner Zeit an der HdM arbeitete er als VFX Supervisor an nationalen und Internationalen Filmproduktionen.  Jan Adamczyk ist aktuell im  Board of Directors der Visual Effects Society, im Vorstand der Deutschen Akademie für Fernsehen (Sektion VFX/Animation) und Mitglied der Deutschen Filmakademie. https://www.hdm-stuttgart.de/home/adamczyk [Foto: Fotofabrik]