Wie KI und Crossmedia die Verlagslandschaft verändern. Interview mit Lisa Vanovitch und Rike Lange
Das Buch als Beziehungsmodell
Die Buchbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Die Margen stehen unter Druck. Die Grenzen zwischen Autor:innen, Werk und Leserschaft werden neu definiert. Im Interview erörtern Lisa Vanovitch und Rike Lange, Referent:innen bei der diesjährigen future!publish, die Entwicklung zum „Buch der Zukunft“, zur Kuratierung von Gemeinschaften und Identitäten.
Foto/Video: KI-generiert, Freepik
Welche Prozesse und Technologien werden Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf das „Buch der Zukunft“ haben?
Lange: Zum einen wird generative KI die Eintrittsschwelle für „das eigene Buch“ massiv senken. Das Buch der Zukunft wird möglicherweise also auch immer persönlicher, subjektiver und schneller produzierbar, was den Selfpublishing-Markt betrifft.
Auf der anderen Seite eröffnen crossmediale Techniken wie NFCs oder KI-gestützte Prozesse neue Formen des Erzählens und können das reine Leseerlebnis auf unterschiedlichen Ebenen verknüpfen. Text, Audio, visuelle Elemente und interaktive Dialoge mit Figuren oder Fachinhalten, die ineinandergreifen und einen übersichtlichen Erfahrungsraum möglich machen, haben den größten Einfluss auf das „Buch der Zukunft“. Das Gleiche gilt auch für den Entwicklungsprozess, in dem sich Stoffe mit Leser:innen noch leichter testen lassen, bevor ein finales Werk entsteht.
Wenn sich das Buch inhaltlich und kuratorisch weiterentwickelt: Welche neuen Geschäftsmodelle, Erzähl- oder Buchformate könnten in den nächsten Jahren entstehen?
Vanovitch: Ich rechne vor allem mit Modellen, in denen das Buch Startpunkt ist – und der eigentliche Wert in der laufenden Beziehung liegt. Etwa Sachbücher, die an Mitgliedschaften gekoppelt sind: Zugang zu einer Community, Sprechstunden mit Autor:innen, kleine Experimente und Updates statt einmaligem Kauf. Und: Buch plus KI-Begleiter – Figuren oder „Coaches“, mit denen Leser:innen nach der Lektüre weiterarbeiten, Fragen stellen, Übungen anpassen.
Lange: Dazu kommen serielle und aktualisierte Formate, bei denen Inhalte in Staffeln erscheinen oder regelmäßig ergänzt werden, eher wie ein Abo als wie eine klassische Neuauflage.
Spannend sind bezahlte Entwicklungs-Communities, in denen Leser:innen früh Einblick bekommen, Stoffrichtungen mitdiskutieren und später Vorteile bei Folgetiteln haben. Es geht also vielmehr um fortlaufende Nutzung und erkennbaren Nutzen im Alltag.

Mit 20% Preisvorteil zur future!publish fahren
Lukas Becker und Peter Felixberger sind Referenten der diesjährigen future!publish am 5. und 6. Februar in Berlin. Nutzen Sie bis 21. Januar bei der Anmeldung den 20% Rabattcode „dpr f!p26“ (regulär 690 Euro netto).
„Verlage bleiben relevant, wenn sie Bedeutung aus einer Textschwemme herausarbeiten“
Diese Entwicklungen stellen Verlage vor neue Herausforderungen: Wie müssen sie sich verändern, um angesichts der Medienkonkurrenz und neuer Technologien langfristig relevant zu bleiben?
Vanovitch: Verlage bleiben relevant, wenn sie Bedeutung aus einer Textschwemme herausarbeiten. Damit wird auch Markenarbeit wichtiger. Wissenstransfer und Unterhaltung sind nicht mehr das Kernangebot von Büchern – sondern vielmehr das Stiften einer Identität und Kontaktaufbau zu Gleichgesinnten durch Community-Arbeit.
Leser:innen kaufen zum Beispiel nicht: „300 Seiten über Führung“. Sie kaufen: „Ich bin jemand, der sich ernsthaft mit Führung beschäftigt.“
Verlage verkaufen also gewissermaßen Zugehörigkeit.
Mit welcher Perspektive kommen Sie auf die future!publish 26: Was stellen Sie in Ihrem Workshop vor?
Lange: Wir kommen mit der Perspektive, dass viele Verlagsprogramme nicht am Inhalt scheitern, sondern an der Logik im Geschäftsmodell. In unserem Workshop zeigen wir, wie Häuser aus dem einmaligen Titelverkauf aussteigen können und Schritt für Schritt ein Beziehungsangebot aufbauen: Einstiegsbuch, Toolcards, Planspiel, Lesekreis, Community, …
Vanovitch: In diesem Zusammenhang geben wir Einblick in Projekte aus unserem Verlag Bubble Your Hub und sprechen über Preise, Ressourcen und Risiken. Ziel ist, dass Teilnehmende mit ersten Skizzen für eigene modulare Produktlinien herausgehen.

Lisa Vanovitch ist Geschäftsführerin, Autorin und Verlegerin der Imprints Bubble Your Hub und Vast Chili Nova – einem mittlerweile 12-köpfigen Team. Zuvor gründete und skalierte sie mehrere Medien-Unternehmen. Als Coach für Innovation in Geschäftsstrategie und Digitalisierung verbindet sie Produktstrategie und Gestaltung. Mit Autor:innen entwickelt sie Bücher, Kartensets, Planspiele und digitale, cross-mediale Produkte, die Expertise sichtbar und anwendbar machen. So verbindet sie Markenaufbau, Lerntransfer und wirtschaftliche Tragfähigkeit.

Rike Lange ist Creative Producer, Autorin und Filmproduzentin. Als Inhaberin der Formatschmiede Löwenstroh entwickelt und realisiert sie seit über zehn Jahren Medien- und Publikationsformate für Kreativagenturen, Produktionsfirmen und Sender wie ARTE, MDR Kultur oder ITV Studios Germany. Darüber hinaus berät und begleitet sie Verlage, unabhängige Künstler*innen und Kultureinrichtungen dabei, ihre Leuchtturmprojekte publikumswirksam in die Öffentlichkeit zu bringen. Ihr Schwerpunkt liegt an den Schnittstellen von transformierendem Storytelling, strategischer Medienarbeit und kreativer Produktentwicklung.