Warum Coopetition die Überlebensstrategie der Medienbranche ist
MedienNetzwerk Bayern
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„Jeder kocht sein eigenes Süppchen, aber die Zutaten kaufen wir gemeinsam ein.“ – Ralf Zinnow (Antenne Bayern)
Was wie eine simple Küchenweisheit klingt, beschreibt einen der wichtigsten Strategiewechsel der Medienbranche im letzten Jahrzehnt. In einer Welt, in der Tech-Giganten die Regeln diktieren, das Personal ausbleibt und neue Zielgruppen erschlossen werden sollen, wird der alte Konkurrent zum neuen Verbündeten. Was der Trend bedeutet und wie bayerische Unternehmen vormachen, dass Kooperation und Wettbewerb sich nicht mehr ausschließen.
Lange Zeit funktionierte die Medienwirtschaft nach dem Prinzip des Nullsummenspiels: Marktanteile, die ein Verlag oder Sender gewinnt, verliert der direkte Wettbewerber. Die Mauern zwischen den Redaktionen und Verlagshäusern waren hoch, der Austausch gering. Doch diese Logik wurde in den letzten Jahren mehr und mehr ausgehebelt – nicht von den Medienunternehmen selbst, sondern von einer neuen Realität.
Die Fragmentierung der Kanäle, der Aufstieg der Plattformökonomie, Fachkräftemangel und zuletzt die KI-Transformation haben den Markt radikal verändert. Der Gegner sitzt heute nicht mehr im Verlagshaus gegenüber, sondern vielmehr im rasanten Wandel. Daher reicht es für nationale und regionale Player oft nicht mehr aus, exzellente Inhalte zu haben. Sie brauchen Technologie, Reichweite und neue Ideen. Und genau hier kommt Coopetition ins Spiel.
Einordnung: Kooperation als ökonomische Notwendigkeit
Der Begriff Coopetition, eine Wortneuschöpfung aus Cooperation und Competition, beschreibt laut dem Zukunftsinstitut eine Haltung in den Chef-Ebenen, die die strikte Trennung von Freund und Feind aufhebt. Es geht um gezielt ausgewählte Partnerschaften: Unternehmen kooperieren in Bereichen, die keine direkte Markendifferenzierung bieten (z. B. Infrastruktur, Forschung, Vermarktung), um im eigentlichen Kerngeschäft (Content, Produkte) wettbewerbsfähig zu bleiben. Kurz gesagt: Man braucht einander.
Dass die Medienbranche dabei sogar über ganz neue Modelle nachdenkt, zeigt ein Whitepaper der Landesanstalt für Medien NRW. Die Studie „Coopetition is King“ simulierte schon 2023, welche Auswirkungen eine anbieterübergreifende Plattform (eine Art „Spotify für Journalismus“) auf den deutschen Markt hätte. Das Ergebnis deutet darauf hin, dass teilhabende Partner zwar Gefahr laufen, sich zu kannibalisieren. Dem gegenüber steht allerdings die Chance, ganz neue Zielgruppen zu erschließen, die bereit sind, für eine aggregierte Vielfalt zu zahlen, nicht aber für das x-te Einzelabo.
Für die Medienbranche ist dies keine rein theoretische Überlegung, sondern die Frage, wie man künftige Erlöse sichern kann. Wie der Blog der MEDIENTAGE MÜNCHEN analysiert, zwingt der Werbemarkt zu neuen Allianzen: Es gilt, den Werbedaten-Pools in den übermächtigen digitalen Ökosystemen von Google, Amazon oder auch Meta etwas entgegenzusetzen und Umfelder und Daten zu bündeln.
Das Zeitalter der „Hyper-Distribution“
Warum nimmt das Thema gerade jetzt Fahrt auf? Aktuelle Marktanalysen, wie die auf der MIPCOM 2025 vorgestellten Trends, sprechen vom Zeitalter der „Hyper-Distribution“.
Inhalte müssen überall sein: Die heutige Mediennutzung erfordert, dass Inhalte auf sämtlichen Plattformen verfügbar sind, berichtet DWDL. Ein einzelner Sender kann diese Omnipräsenz kaum noch leisten. Strategische Partnerschaften sind nötig, um Content über verschiedene Kanäle hinweg optimal zu verwerten.
Windowing als Kooperationsmodell: Das starre Konkurrenzdenken weicht flexiblen Verwertungsketten. Ein Beispiel ist das sogenannte Windowing: Öffentlich-rechtliche und private Sender sowie Streaming-Plattformen teilen sich Lizenzrechte. Eine Serie läuft zuerst in der Mediathek, später im linearen TV. Was früher undenkbar war, ist laut DWDL heute ein Weg, teure Produktionen überhaupt noch zu finanzieren.
Journalistische Recherche-Pools: Auch im redaktionellen Bereich hat sich die Haltung gewandelt. Plattformen wie Journalistik.online weisen darauf hin, dass investigative Rechercheverbünde (wie bei den Panama Papers) gezeigt haben: Mehrere Redaktionen einzuspannen führt zu besseren Geschichten, von denen am Ende alle beteiligten Marken profitieren.
Diese Entwicklungen verdeutlichen den fundamentalen Strukturwandel: Die Ära der abgeschotteten Wertschöpfungsketten ist vorbei. In einem Markt der Hyper-Distribution ist Exklusivität zwar weiterhin wichtig für die Marke, doch wer seine Inhalte und Technologien weiterhin in Silos einsperrt, riskiert es, den Anschluss zu verlieren. Coopetition ist daher mehr als eine Sparmaßnahme; es ist der Übergang zu einem Ökosystem-Gedanken, in dem Medienhäuser als Knotenpunkte in einem größeren Netzwerk agieren. Die Fähigkeit zur Anschlussfähigkeit – technisch wie strategisch – wird zur zentralen Währung.
Dieser Ökosystem-Gedanke endet jedoch nicht an den Grenzen der eigenen Branche. Gerade an einem hochindustrialisierten Standort wie Bayern liegt ein großes Potenzial in der „Cross-Industry“-Zusammenarbeit.
Medienbranche trifft Industrie: Wie Coopetition den Horizont erweitert
Eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zeigt, dass ein riesiges ungenutztes Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen der Medienbranche und der ansässigen Industrie liegt. Hochdigitalisierte Arbeitsweisen könnten die Automobilbranche oder den Maschinenbau voranbringen. Der Ansatz: Medienhäuser besitzen Kompetenzen darin, wie das Kundenerlebnis klug gestaltet wird, wie Inhalte gut aufbereitet werden und wissen um digitale Schnittstellen, die der Industrie bei der Digitalisierung ihrer Produkte fehlen. Umgekehrt bietet die Industrie Wissen rund um Technologien und den Ausbau von Geschäftsmodellen. Hier ist Zusammenarbeit gelernt, um gemeinsam digitale Innovationen (z. B. In-Car-Entertainment oder VR-Schulungen) zu entwickeln, die keiner von beiden alleine stemmen könnte.
So geht gelebte Coopetition: Best Cases aus Bayern
Wie diese Theorie in der Praxis aussieht – sowohl innerhalb der Branche als auch an deren Schnittstellen – zeigen drei konkrete Beispiele, die bei unserem Media Date in München vorgestellt wurden.
1. Neue Zielgruppen erschließen: Wotsch.TV
Das lokale Fernsehen steht vor einer zentralen Herausforderung: Auch wenn die Inhalte vor Ort für alle relevant sind, fehlt oft der Zugang zu jungen Zielgruppen, die keinen linearen TV-Anschluss mehr nutzen.
Die Lösung: 14 bayerische Lokalsender (u. a. Niederbayern TV, München TV) haben sich zur Streaming-Plattform Wotsch.TV zusammengeschlossen, mit dem Ziel, als lokale Medien auch überregional Menschen und Marken anzusprechen, um neue Erlöse unter anderem mit Werbung zu erzielen.
Das Coopetition-Element: Der entscheidende Faktor ist hier der Verzicht auf Autonomie zugunsten der Gruppe. Thomas Eckl, Geschäftsführer von Niederbayern TV und einer der Initiatoren, betonte, dass „Eitelkeiten zurückgestellt“ werden müssen. Eine Zentralredaktion kuratiert die Inhalte. Die Sender konkurrieren zwar theoretisch um Aufmerksamkeit, haben aber laut Eckl erkannt, dass sie nur gebündelt eine relevante Reichweite im digitalen „Schaufenster“ erzielen können. Und das Ziel, junge Menschen zu erreichen, geht auf: Rund 2,8 Millionen Aufrufe konnte Wotsch.TV seit seinem Start im Juni 2025 auf TikTok erzielen.
2. Wissen vernetzen: Das AI for Media Network
Künstliche Intelligenz stellt Redaktionen vor komplexe technische und ethische Fragen. Das erforderliche Know-how übersteigt oft die Kapazitäten einzelner Häuser.
Die Lösung: Das AI for Media Network bringt bayerische Medienhäuser aus dem DACH-Raum zusammen, die traditionell im Wettbewerb stehen – etwa den Bayerischen Rundfunk und große Verlage wie Ippen, Süddeutsche Zeitung oder auch Rheinische Post.
Das Coopetition-Element: Für Bernd Oswald, Manager des Netzwerks, stand bei der Präsentation der Begriff der „Frenemies“ (Freunde und Feinde) im Zentrum. Während man sich juristisch oder publizistisch im Wettbewerb befindet, wirkt der Austausch über die Technologie als neutraler Boden. Im Netzwerk werden gemeinsam Use Cases wie das KI-assistierte Schnittprogramm SchnittmAIster entwickelt und Wissen geteilt, um ein unabhängiges KI-Ökosystem aufzubauen. Außerdem entstehen neue Kontakte über Gattungsgrenzen hinweg. So entwickelten ausgerechnet die Häuser BR und Ippen, die sich über Jahrzehnte über die Bahngleise hinweg kritisch beäugt hatten, dieses Jahr gemeinsam den „BreznBot“. Dazu wurde Text-, Video- und Audiomaterial der beiden Häuser gesammelt, „vektorisiert“ und zu einem ChatBot gemacht, der mit diesem Wissen Fragen rund um die Wiesn beantwortet.
3. Infrastruktur teilen: Antenne Bayern und BLR
Im Audio-Markt führen sinkende Werbeerlöse, steigende Kosten und Personalengpässe zu größer werdendem Druck.
Die Lösung: Antenne Bayern und die Dienstleistungsgesellschaft für bayerische Lokal-Radioprogramme (BLR) nutzen mit der „NewsCloud“ der BLR eine gemeinsame technische Infrastruktur, um nachts gemeinsam Nachrichten zu produzieren.
Das Coopetition-Element: Anstatt in zwei Redaktionen Menschen nachts hinter dem Mikro zu beschäftigen, wird die Grundversorgung gemeinsam gestemmt. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern macht die Sender auch zu attraktiveren Arbeitgebern, da unbeliebte Schichtdienste reduziert werden können, erklärte Ralf Zinnow (Antenne Bayern). Der Clou dabei: Trotz gemeinsamer Basis verliert niemand seine Handschrift. Lydia Englisch (BLR) beschrieb, wie jedes Haus sich aus dem modularen Content-Pool „NewsCloud“ genau die Elemente zieht, die zur eigenen Zielgruppe und Markenidentität passen. Die Coopetition ist damit aus Sicht beider Partner eine Möglichkeit, die Zukunftsfähigkeit des Lokaljournalismus zu sichern.
Zukunft der Medienbranche: Mit Coopetition gegen den Plattformdruck
Diese Beispiele machen deutlich: Coopetition ist mehr als ein Schlagwort. Es ist die rationale Antwort auf einen Markt, der geprägt ist von Hyper-Distribution, Plattformdruck und rasantem Wandel. Erfolgreiche Kooperationen basieren dabei auf einer klaren Trennung der Ebenen:
Infrastruktur und Technologie eignen sich hervorragend für Synergien, da sie fürs Publikum oft unsichtbar sind.
Journalistische Identität und Marke bleiben davon unberührt und stehen weiterhin in einem gesunden Wettbewerb.
Die größte Hürde ist oft nicht technischer, sondern kultureller Natur: Es erfordert ein Umdenken in den Führungsetagen, um den Konkurrenten als potenziellen Partner für Teilbereiche zu akzeptieren.
Wer bereit ist, die „Zutaten gemeinsam einzukaufen“ sichert sich die Ressourcen, um auch in Zukunft ein eigenes und unverwechselbares „Menü“ servieren zu können.
Quellen & nützliche Links
zum Original-Text (MedienNetzwerk Bayern)
Das MedienNetzwerk Bayern, ist eine Initiative für den Medienstandort Bayern. Durch seine Veranstaltungen und Projekte bringt es die bayerische Medienbranche zu Trends und Herausforderungen der digitalen Transformation zusammen. Es vernetzt sowohl die einzelnen Medien-Segmente (also zum Beispiel Audio, Film oder Presse) untereinander als auch über Branchengrenzen hinweg (etwa mit der Automobilbranche, der Medizin oder der Wissenschaft). Das MedienNetzwerk Bayern ist Teil der Medien.Bayern GmbH.