Klassiker vom Staub befreien

Wie Sandra Latußeck und Sönke Schulz das Projekt Gutenberg neu denken

Video: KI-generiert, Freepik

Über 30 Jahre nach seinem Start gehört das deutsche Projekt Gutenberg zum digitalen Inventar der Literaturwelt – eine der ältesten Plattformen für freien Zugang zu Klassikern im deutschsprachigen Raum. Doch freier Zugang allein reicht heute nicht mehr. Das haben auch Sandra Latußeck und Sönke Schulz erkannt, Betreiber:innen des Selfpublishing-Portals tredition und Geschäftsführer der Cultural Assets GmbH, die das Portal kürzlich übernommen hat. Hinter dem Schritt steckt keine Nostalgie, sondern ein klares Programm: Projekt Gutenberg soll technologisch modernisiert, redaktionell geschärft und als offene Referenzquelle für Bildung, Forschung und KI-Anwendungen neu positioniert werden.

Sönke Schulz erklärt im Gespräch, warum gemeinfreie Texte im KI-Zeitalter strategisch wertvoller denn je sind – und weshalb Klassiker vor allem an einer Sache leiden: ihrer Präsentation.

Über 30 Jahre nach dem Start des deutschen Projekts Gutenberg habt ihr das Portal jetzt übernommen. Aus Liebe für die deutschen Klassiker?

Ja, aus Überzeugung. Aber nicht aus Nostalgie.

Projekt Gutenberg ist eines der frühesten digitalen Kulturprojekte im deutschsprachigen Raum. Es steht für freien Zugang zu Literatur. Diese Idee ist heute relevanter denn je. In einer Zeit, in der Inhalte fragmentiert, kommerzialisiert und algorithmisch gefiltert werden, braucht es stabile, offene Orte für verlässliche Texte.

Wir sehen das Projekt als kulturelle Infrastruktur. Klassiker sind kein museales Gut. Sie sind Grundlage unserer Sprache, unserer Bildung und unseres Denkens. Diese Basis digital zu sichern, ist für uns eine Verantwortung.

Klassiker sind nicht nur Goethe und Lessing, sondern nun auch ab diesem Jahr Thomas Mann, dessen Werke gemeinfrei geworden sind. Das Projekt Gutenberg war und ist immer aktuell bei neuen, gemeinfrei gewordenen Werken.

Wie passt ein Non-Profit-Projekt in euer kommerzielles tredition-Portfolio?

Der freie Zugang bleibt unangetastet. Projekt Gutenberg ist kein Produkt im klassischen Sinn.

Unsere Erfahrung aus dem Aufbau von tredition hilft uns jedoch, Strukturen professionell, effizient und langfristig tragfähig zu organisieren. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit entsteht nicht durch Einschränkung, sondern durch Ergänzung.

Gedruckte Ausgaben, kuratierte Editionen, institutionelle Kooperationen oder technologische Mehrwerte können dazu beitragen, Betrieb und Weiterentwicklung zu sichern. Die digitale Bibliothek selbst bleibt frei zugänglich. Das ist für uns nicht verhandelbar.

Unser Ziel ist es allerdings nicht, mit dem Projekt Gutenberg einen wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen. Wir wollen aber auch kein Kostengrab betreiben. Mit attraktiven Zusatzangeboten werden wir die wirtschaftliche Tragfähigkeit als Ziel haben. Nach einem umfangreichen technischen und optischen Upgrade haben wir ein erhebliches Investment geleistet, aber so die Voraussetzungen für die Wirtschaftlichkeit auch in der Zukunft geschaffen.

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„Wir sehen Projekt Gutenberg als qualitätsgesicherte Referenzquelle“

Welche Bedeutung haben gemeinfreie Texte für euch im Kontext von KI-Entwicklung, Datennutzung und neuen Anwendungsformen?

Gemeinfreie Texte sind im Zeitalter von KI ein strategisch wichtiger Rohstoff. Sie sind rechtlich sauber nutzbar und gleichzeitig kulturell wertvoll.

Aber es geht nicht nur um Datenmenge. Es geht um Qualität. Sauber strukturierte, redaktionell geprüfte Texte sind eine andere Grundlage als unkuratierte Massendaten. Wir sehen Projekt Gutenberg als qualitätsgesicherte Referenzquelle.

KI kann helfen, Texte besser auffindbar zu machen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und neue Zugänge zu schaffen. Sie ersetzt aber nicht editorische Verantwortung. Technologie ist für uns ein Werkzeug, kein Selbstzweck.

Wohin geht die Reise des Projekts? Welche Rolle soll Projekt Gutenberg künftig im digitalen Ökosystem von Verlagen, Bildungseinrichtungen und Technologieanbietern spielen?

Unser Ziel ist klar: Projekt Gutenberg soll ein technologisch moderner, barrierefreier und offener Literaturknotenpunkt werden.

Klassiker sollen dort verfügbar sein, wo Menschen heute lesen. Das heißt digital am Bildschirm, optimiert für mobile Geräte und Lesegeräte und, wo sinnvoll, auch als gedrucktes Buch. Gleichzeitig soll das Projekt eine stabile Referenzquelle für Bildung, Forschung und digitale Anwendungen sein. Die Nutzung ist kosten- und barrierefrei.

Wir verstehen uns als Teil eines Ökosystems. Nicht als Konkurrenz zu Verlagen, sondern als Fundament. Gemeinfreie Texte sind die Basis, auf der neue Editionen, Kommentare, Lernangebote und Innovationen entstehen können.

Wie unterscheiden sich euer Anspruch und eure Arbeitsweise von der internationalen Plattform Gutenberg.org?

Die Grundidee ist die gleiche: freier Zugang zu Literatur.

Unser Fokus liegt stärker auf redaktioneller Qualität, sprachlicher Kuratierung und technischer Modernisierung im deutschsprachigen Raum. Wir investieren bewusst in Nutzererlebnis, Struktur und Plattformstabilität.

Darüber hinaus wirken viele Freiwillige am Projekt Gutenberg in Deutschland mit, die von uns gescannte Originaltexte redigieren und in einem zweistufigen Prüf- und Korrekturprozess zu einem qualitativ hochwertigen Leseerlebnis machen. Dieses Vorgehen ist einzigartig.

Wir wollen aber nicht nur Texte bereitstellen, sondern haben das Ziel, klassische Literatur vom Staub zu befreien. Die wenigsten greifen nach der Pflichtlektüre in der Schulzeit noch zu Klassikern. Das ist nicht verwunderlich. Die meisten – wenn überhaupt noch verfügbaren – Ausgaben sind altertümlich gesetzt. Die Covergestaltung ist nicht mehr ansprechend. Die Klappentexte beschreiben die Inhalte, wie man es vor vielen Jahrzehnten gemacht hat.

Viele Inhalte sind zeitlos spannend. Sie werden nur unattraktiv präsentiert. Das sind wir im Zuge zu ändern beim deutschen Projekt Gutenberg.

„KI ist für uns ein Effizienzwerkzeug. Die Verantwortung bleibt bei Menschen“

Das US-Gutenberg setzt verstärkt auch auf Hörbücher (ein Projekt mit Microsoft). Steht das bei euch auch auf der Roadmap?

Audio ist ein relevantes Thema, insbesondere im Kontext Barrierefreiheit.

Wir beobachten die Entwicklung sehr genau. Denkbar sind sowohl professionell produzierte Hörformate als auch KI-gestützte Lösungen. Entscheidend ist für uns die Qualität und ein nachhaltiges Modell. Unser aktueller Fokus liegt jedoch auf der strukturellen und technologischen Modernisierung der Plattform.

Wie gewinnt ihr heute neue Inhalte für Projekt Gutenberg, und welche Faktoren bestimmen dabei Tempo, Umfang und Qualität?

Ausschließlich aus gemeinfreien Quellen. Rechtliche Klarheit ist die Voraussetzung.

Entscheidend ist für uns die editorische Qualität. Wir priorisieren saubere Textgrundlagen, nachvollziehbare Quellen und sorgfältige Aufbereitung. Wachstum ist wichtig, aber Verlässlichkeit ist wichtiger.

Jedes Jahr könnten theoretisch Tausende Werke hinzugefügt werden, wenn diese gemeinfrei werden. Hier treffen wir im Team eine Auswahl, damit das Projekt Gutenberg nicht vollgestopft wird. Wer vor 70 Jahren oder länger verstorben ist und ein Buch geschrieben hat, ist noch lange kein „Klassiker“, den es zu bewahren gilt. Wir achten also bei neuen Inhalten auf die gesellschaftliche und kulturelle Relevanz.

Welche Rolle spielen Automatisierung und KI in euren Workflows – von der Digitalisierung bis zur Textaufbereitung?

Automatisierung unterstützt uns bei Texterkennung, Strukturierung und Formatkonvertierung. Das beschleunigt Prozesse.

Die Qualitätssicherung bleibt jedoch bewusst menschlich. Gerade bei klassischen Texten geht es um Genauigkeit, Kontext und sprachliche Sensibilität. KI ist für uns ein Effizienzwerkzeug. Die Verantwortung bleibt bei Menschen.

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Sönke Schulz (re.) ist Gründer und Geschäftsführer von tredition, einem Self-Publishing-Anbieter im deutschsprachigen Raum. Vor 18 Jahren gründete er – gemeinsam mit Sandra Latußeck (li.) – tredition als Branchenfremder mit dem Ziel, das Buch neu zu denken. Zuvor war er im internationalen Vertrieb und in der Medienberatung tätig. Das Duo ist auch in der Geschäftsführung der Cultural Assets GmbH, die das Projekt Gutenberg kürzlich übernommen hat.