Julia Claren und Laura Werle (Snackz) über das Buch der Zukunft
Vom statischen Buch zum dynamischen Wissensraum
Wie verändert Künstliche Intelligenz nicht nur die Art und Weise, wie wir Bücher schreiben, sondern wie wir Wissen konsumieren? Im Interview werfen Julia Claren und Laura Werle vom Startup Snackz einen Blick speziell auf das Sachbuch der Zukunft.
Foto/Video: KI-generiert, Freepik
Sie plädieren dafür, das Buch nicht mehr als abgeschlossenes, statisches Produkt zu betrachten, sondern als Teil eines lebendigen Ökosystems. Durch die intelligente Verknüpfung von KI, dynamischen Metadaten und personalisierten Zugängen skizzieren sie eine Welt, in der sich Inhalte flexibel an das Zeitbudget und das Vorwissen der Lesenden anpassen – weg vom „One size fits all“-Prinzip hin zu modularen, hybriden Lernpfaden.
Welche Prozesse und Technologien werden Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf das „Buch der Zukunft“ haben?
Generative KI, wie wir sie heute kennen und nutzen, eröffnet zweifellos enorme Potenziale, das Zusammenspiel zwischen Autor:innen, Verlagen, Handel und Lesenden grundlegend zu verändern. Aktuell richtet sich der Fokus vor allem auf bestehende Prozesse und ihre Optimierung. Das ist naheliegend – doch dabei wird es nicht bleiben. Die Technologien entwickeln sich in rasantem Tempo weiter. Mittelbar oder unmittelbar damit zusammenhängend werden neue Anwendungen und Ideen entstehen, die wir heute erst in Ansätzen erahnen.
Was wir bei Snackz auf Basis des aktuellen Wissens annehmen, ist: Die größte Veränderung wird nicht aus einer Technologie oder einer Anwendung entstehen, sondern – im Sinne eines Ökosystems – aus dem Zusammenspiel mehrerer Bausteine und vielleicht auch mehrerer Player.
Wie könnte sich zum Beispiel die Kombination von KI, die Bedeutung und Kontext erkennt, dynamischen Metadaten, die dieses Verständnis in strukturierte, aktualisierbare Signale übersetzen, und ein personalisierter Zugang auf das „Sachbuch der Zukunft“ auswirken?
Der Prozess der Buchentwicklung könnte sich grundlegend verändern – weg vom einmaligen Publizieren hin zu einem kontinuierlich gepflegten Wissensraum. Sachbücher würden nicht mehr nur als Titel mit statischen Angaben behandelt, sondern als Bedeutungsobjekte, die sich präzise verknüpfen lassen: mit Themen, Kontexten, Zielgruppen, individuellen Leseanlässen und konkreten Nutzungssituationen.
Welche neuen Geschäftsmodelle, Erzähl- oder Buchformate könnten in den nächsten Jahren entstehen?
Wenn wir bei unserem Sachbuch-Beispiel bleiben, ist der nächste Schritt fast logisch: Sobald Inhalte personalisiert zugänglich sind, entsteht ein Druck in Richtung Flexibilisierung. Inhalte wären dann nicht mehr „one size fits all“, sondern könnten – abhängig von Zeitbudget, Vorwissen, Motivation und Kontext – individuell erschlossen werden.
Wir könnten uns sehr gut vorstellen, dass wir in Zukunft häufiger hybride, modulare Formate sehen werden: Text, Audio und Video nicht mehr nur parallel nebeneinander, sondern bausteinartig kombinierbar.
Solch ein passgenauer Weg muss dann, und wir hoffen, dass das schon sehr bald kommt, auch nicht mehr bei einer statischen, linearen Rezeption stehen bleiben. Das Lesen und das Lernen aus Buchinhalten könnte viel enger miteinander verknüpft werden, etwa über individuell definierbare Lernpfade: von kurzen Education-Snippets bis hin zu einer KI-gestützten Learning Journey, die sich entlang eines Interessens- oder Kompetenzziels entfaltet. Und das nicht nur auf ein Buch bezogen, sondern vielleicht sogar über mehrere Titel hinweg.
Damit sind wir schnell bei mehr als nur „flexiblen Formaten“. Sobald Buchinhalte modular, medienübergreifend und situationsabhängig genutzt werden, braucht es neue Antworten darauf, wie Rechte, Erlöslogiken und Ausspielungen gestaltet werden – ohne das Buch als Ganzes abzuwerten, sondern im Gegenteil seine Wirkung optimal auszuspielen und die Leserschaft zu vergrößern.

Mit 20% Preisvorteil zur future!publish fahren
Lukas Becker und Peter Felixberger sind Referenten der diesjährigen future!publish am 5. und 6. Februar in Berlin. Nutzen Sie bis 21. Januar bei der Anmeldung den 20% Rabattcode „dpr f!p26“ (regulär 690 Euro netto).
„Das ist ein harter Change für Verlage“
Diese Entwicklungen stellen Verlage vor neue Herausforderungen: Wie müssen sie sich verändern, um angesichts der Medienkonkurrenz und neuer Technologien langfristig relevant zu bleiben?
Aus unserer Sicht ist der entscheidende Veränderungsschritt ein Perspektivwechsel: Lesende müssen keine abstrakte Zielgruppe mehr sein, sondern können – über ihre Datenspuren – als reale Nutzer:innen mit konkreten Bedürfnissen erkannt und verstanden werden. Das ist ein harter Change, weil das bedeutet: Verlage müssen Offenheit und Kompetenz aufbauen, diese Signale zu erfassen, zu analysieren und in Strategie zu übersetzen – zum Beispiel für bessere Auffindbarkeit, passendere Ansprache, wirksamere Ausspielung, stärkere Bindung zu den Lesenden.
Wenn Verlage diesen Schritt gehen, gewinnen sie etwas Entscheidendes zurück: Gestaltungs- und Wirkungsmacht. Sie kommen näher an Leser:innen heran, verstehen Bedürfnisse besser und können Inhalte wirksamer positionieren – ohne ihre kulturelle Rolle zu verlieren. Im Gegenteil: Qualität zu kuratieren und Sinn zu stiften bleibt ihr USP. Technologie dabei als Verstärker zu nutzen, schafft die Voraussetzung, dass Bücher im hochkompetitiven Medienumfeld sichtbar und relevant bleiben – und dass Verlage aktiv Orientierungsimpulse setzen können.
Mit welcher Perspektive kommen Sie auf die future!publish 26: Was stellen Sie in Ihrem Workshop vor?
Die future!publish 25 war für die Entwicklung unseres Start-ups ein wichtiger Meilenstein. Der kleine, überschaubare Rahmen macht es möglich, Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen auf Augenhöhe kennenzulernen. Gespräche entstehen nicht, „weil man muss“, sondern weil es wirklich interessiert. Vor einem Jahr sind dabei ein paar wegweisende Verbindungen entstanden. Umso mehr sind wir auf die future!publish 26 gespannt.
Unser Impulsreferat hat das Thema: „Dynamische Metadaten – Was wir von TikTok für Buchmetadaten lernen können.“
TikTok zeigt, was passiert, wenn Metadaten nicht statisch bleiben, sondern in einer Feedback-Schleife mit Nutzersignalen zu einem lernenden Ausspielungsmodell werden.
Unser Impuls: Auch Bücher brauchen diese Logik – nicht als Kopie von TikTok, sondern als Fähigkeit, Customer-Journey-Signale in dynamische Metadaten zu übersetzen und damit Discoverability, Relevanz und Wirkung von Büchern entlang ihres gesamten Lebenszyklus zu unterstützen.

Julia Claren ist Co-Founderin von Snackz in Berlin, ehemalige CEO der Ullstein Buchverlage und Mitgründerin sowie langjährige Geschäftsführerin von Dussmann das KulturKaufhaus. Als Brückenbauerin zwischen Tradition und Innovation bringt sie ihre tiefe Marktkenntnis in die Entwicklung KI-basierter Expertentools für den Buchmarkt ein.

Laura Werle ist Co-Founderin von Snackz in Berlin. Die studierte Psychologin und Informatikerin entwickelt KI-basierte Tools, die Content-Intelligenz und Nutzerverhalten verbinden. Zuvor begleitete sie den Aufbau des Startups Growify. Bei Snackz verantwortet sie die Produktentwicklung und die Integration von Large Language Models in kreative Workflows.