Sönke Schulz, Gründer und Geschäftsführer, Tredition
Warum das Buch keine Zukunft hat…
– wenn wir es nicht neu erfinden. Die Digitalisierung stellt die Buchbranche vor eine existenzielle Frage: Hat das gedruckte Wort in seiner klassischen Form noch eine Zukunft? Für Sönke Schulz, Gründer und Geschäftsführer von Tredition, liegt die Antwort nicht in der reinen Aufrüstung durch neue Technologien, sondern in einem radikalen Perspektivwechsel.
Foto/Video: KI-generiert, Freepik
Weg vom reinen „Produkt Buch“ und hin zu einem kundenzentrierten Content-Angebot, das gezielt menschliche Bedürfnisse nach Wissen, Unterhaltung und Sinnstiftung erfüllt. Im folgenden Interview erläutert Schulz, warum die Branche aufhören muss, in technologischen Prozessen zu denken, und wie Innovationen wie KI und Personalisierung lediglich als Werkzeuge dienen sollten, um das „Buch der Zukunft“ als ganzheitliches Erlebnis neu zu definieren.
Welche Prozesse und Technologien werden Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf das „Buch der Zukunft“ haben?
Ich halte die Frage in dieser Form für symptomatisch für ein Grundproblem der Branche: Sie ist produkt- und technologiegetrieben, nicht kundengetrieben.
Prozesse und Technologien werden nicht gekauft. Menschen kaufen das, was ein Produkt mit ihnen macht.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Welche Technologie nutzen wir? Sondern: Welches Bedürfnis erfüllen wir für Menschen?
Ihre Antwort?
Das „Buch der Zukunft“ ist kein Produkt für „Leser“, sondern ein Content-Angebot für Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen: Unterhaltung, Orientierung, Wissen, Erlebnis, Selbsthilfe, Sinn. Fernsehen wird auch nicht für „Seher“ gemacht, sondern als Erlebnis. Wenn diese Value Proposition klar ist, kommen Prozesse und Technologien automatisch: KI, Personalisierung, Audio, Serialisierung oder Community-Modelle sind dann Mittel zum Zweck – nicht der Zweck selbst.
Welche neuen Geschäftsmodelle, Erzähl- oder Buchformate könnten so in den nächsten Jahren entstehen?
Das hängt weniger von technischen Möglichkeiten ab als von der Innovationsbereitschaft der Branche. Die klassische Wertschöpfungskette – Autor schreibt, Verlag selektiert, Handel distribuiert – ist seit Jahrhunderten nahezu unverändert. Sie adressiert eine immer kleinere Zielgruppe.
Neue Modelle entstehen erst, wenn wir bereit sind, diese Logik zu durchbrechen:
– Inhalte modular zu denken
– neue Zugänge (Abo, Serien, Bundles, Einstiegspreise) zuzulassen
– KI nicht als Bedrohung, sondern als Beschleuniger zu nutzen
– wachstumshemmende Strukturen kritisch zu hinterfragen
Ein gutes Beispiel aus einer anderen Branche ist Musik: Statt Tonträger zu verteidigen, hat sich die Branche neu erfunden – über Streaming, Playlists, Personalisierung und neue Erlösmodelle. Das „alte Produkt“ wurde nicht gerettet, sondern radikal neu interpretiert. Das Ergebnis: Wachstum.

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„Verlage müssen zuerst ihr Selbstbild verändern“
Wie müssen sich Verlage vor diesem Hintergrund verändern, um langfristig relevant zu bleiben?
Verlage müssen zuerst ihr Selbstbild verändern. Sie verkaufen keine Bücher. Bücher sind nur das Trägermedium. Verkauft werden Wirkung, Emotion, Erkenntnis. Die Zielgruppe ist nicht „Leser“. Lesen können fast alle Menschen. Die Zielgruppe ist die gesamte Gesellschaft.
Andere Branchen machen es vor: Sport-Apps richten sich nicht an Sportbegeisterte, sondern gezielt an Neueinsteiger – mit passenden Programmen und Preismodellen.
Dazu kommt: Verlage müssen als Arbeitgeber wieder attraktiv für Menschen aus innovativeren Branchen werden. Ohne frische Perspektiven, Datenkompetenz und Mut zum Experiment bleibt Stillstand.
Und schließlich: Die Branche muss aufhören, sich Zahlen schönzureden. Preisbereinigt ist der Umsatz in den letzten zehn Jahren um rund 25 % gesunken – bei steigenden Kosten. Wir sind nicht bei fünf vor zwölf, wir sind darüber hinaus. Nichtstun ist heute das größte Risiko.
Mit welcher Perspektive kommen Sie auf die future!publish 26? Was stellen Sie in Ihrem Vortrag vor?
Ich komme nicht, um zu erklären, was alles schwierig ist. Das wissen wir alle.
Ich komme, um wachzurütteln:
– anders zu denken
– Risiken einzugehen
– Dinge auszuprobieren, bevor andere Branchen es für uns tun
Mein Vortrag soll Perspektiven öffnen und Mut machen. Wenn wir weiterhin nur optimieren, was wir seit Jahrzehnten tun, wird es diese Branche – und solche Kongresse – in wenigen Jahren nicht mehr geben. Ich hoffe auf offene Ohren. Denn eines ist klar:
Wenn wir nichts verändern, verändert sich alles – nur ohne uns.

Sönke Schulz ist Gründer und Geschäftsführer von Tredition, einem der führenden Self-Publishing-Anbieter im deutschsprachigen Raum. Vor 18 Jahren gründete er – gemeinsam mit Sandra Latußeck – tredition als Branchenfremder mit dem Ziel, das Buch neu zu denken. Zuvor war er im internationalen Vertrieb und in der Medienberatung tätig. Als ehemaliger Netflix-Junkie weiß er, warum Menschen Geschichten lieben – und wie man sie wieder zum Lesen bringt.