Welche Medien-Generation bist du?
Junge Leute interessieren sich durchaus für Nachrichten – nur nicht in den Kanälen der Verlage. Von Sebastian Esser
Seit Jahren – inzwischen Jahrzehnten – gibt es das Wehklagen der Verlagsbranche, dass ihnen große Plattformen wie Meta, Google und inzwischen Amazon und TikTok die Werbeumsätze wegnehmen. Das ist auch so, und zwar auf zunehmend dramatische Weise. Die Media-Agenturen (die diese Werbung vertreiben) schätzen, dass in diesem Jahr erstmals mehr als die Hälfte des 30-Milliarden-Werbebudgets in Deutschland an die großen Plattformen gehen werden. Um die kleinere Hälfte prügelt sich der Rest der Wirtschaft. Bei der digitalen Werbung gehen schon 72 Prozent nach Kalifornien.
50 plus: die Fernseh-Generation
Was die Zeitungen, Zeitschriften und ihre Lobbyisten in Politik und Medien bei ihren Wehklagen gern ignorieren: Verlage verlieren ihre Werbeerlöse nicht nur, weil Google und Meta mit ihren weit überlegen Produkten den Markt dominieren (das natürlich auch), sondern weil ihre Reichweiten in den für Werbentreibende attraktiven Zielgruppe unter 50 fast vollständig kollabieren. 27 % aller Zeitungsleser:innen sind 70 Jahre oder älter. Wer als Verlag ein Publikum mit einem Durchschnittsalter von fast 60 Jahren erreicht, ist für die meisten Werbetreibenden schlicht uninteressant.

Eine ähnliche Situation zeigt sich beim linearen Fernsehen: Der durchschnittliche Zuschauer ist auch hier über 60 Jahre alt. Bei ARD und ZDF eher 65, aber selbst bei dem jüngsten Sender ProSieben 44. 78 % der gesamten linearen TV-Nutzung entfallen auf Menschen über 50. Und die glotzen anscheinend ohne Unterlass, der Fernseher läuft durchgehend: Die tägliche Mediennutzung bei den über 70-Jährigen liegt bei 461 Minuten, also fast acht Stunden.
Unter 30: die Plattform-Generation
Dabei gucken nur noch 7 % der 18-24-Jährigen überhaupt täglich lineares Fernsehen, in dieser Altersgruppe legt die tägliche Sehdauer bei gerade noch 25 Minuten. Was übrigens nicht bedeutet, dass sie nicht gut informiert wären. Der Großteil der 18-24-Jährigen, nämlich 86 %, konsumiert 2025 mehrmals pro Woche Nachrichten. Das sind 6 %punkte mehr als noch 2024. Auch das allgemeine Nachrichteninteresse der jungen Zielgruppe ist leicht gestiegen. 45 % sind äußerst oder sehr an Nachrichten interessiert. Nur lesen sie keine Zeitungen. Junge Leute interessieren sich durchaus für Nachrichten – nur nicht in den Kanälen der Verlage.

Leicht vereinfachend möchte ich von völlig unterschiedlichen Medien-Generationen sprechen, der Fernseh-Generation und der Plattform-Generation. Dazwischen gibt es aber noch eine dritte Generation, zu der ich gehöre, du wahrscheinlich auch. Das ist die Internet-Generation.
Dazwischen: die Internet-Generation
Bei dieser Zielgruppe, den 30- bis 49-jährigen, ist zwar der Fernsehkonsum sehr viel höher als bei den jungen Leuten, aber vor allem aufgrund der Mediatheken und von YouTube. Diese Altersgruppe schaut durchaus TV-Inhalte, aber eben zeitversetzt. Auf YouTube, Instagram und sogar noch Facebook bekommen diese Leute inzwischen ihre Nachrichten. Es ist die einzige Altersgruppe, in der Online-Quellen, Social Media und lineares TV ungefähr gleich aufliegen. Es ist die Altersgruppe, in der sich die Medienformate überlappen. Der Bruchpunkt zwischen der Plattformwelt und der Fernsehwelt. Hier geht die Schere auf zwischen Alt und Jung.

Das sind die Leute, die im Moment für digitale Plus-Abos zahlen, die die Push-Meldungen von Medien-Apps aufmachen, die heute Nachrichten in der Mediathek schauen. Für die Verlage ist die schlechte Nachricht allerdings, dass die Internet-Generation älter wird und sie in zunehmendem Maße Plattformen nutzt. Sogar die Alten sind mehr als je zuvor auf Plattformen unterwegs.
In Amerika, wo dieser Trend extremer ist und früher einsetzte, gibt es einen Satz, der bei der Entlassung von Redakteur:innen häufiger fällt: People don't want to read your stuff anymore. Mich persönlich macht dieser Satz wütend. Denn die Verlagsleute schieben damit die Schuld für Ihr eigenes Versagen den Journalist:innen zu. Und das zu Unrecht. Natürlich interessieren sich auch junge Leute für den aktuellen Nachrichten-Journalismus – nur nicht in den Formaten, die die Verlage anbieten.
In ihrer Hilflosigkeit rufen also die Verlegerverbände die Politik zu Hilfe und wollen beteiligt werden an den Umsätzen von Google und Facebook/Instagram, beziehungsweise Steuergeld erhalten. Wenn Verlegerverbände über „faire Vergütung“ durch Plattformen sprechen, dann geht es nicht um Pressefreiheit. Es geht um das Geschäftsmodell von Konzernen, die ihr jahrzehntelanges Monopol in der Anzeigenwerbung verloren haben. Gegen die Wettbewerbsverzerrung der alten zu Schaden der jungen, digitalen Medien durch eine geplante Presseförderung mussten wir uns als Krautreporter vor einigen Jahren anwaltlich zur Wehr setzen, sodass die Zeitungs-Subvention schließlich abgesagt wurde, weil sie gegen die Verfassung verstoßen hätte.
Die ähnlich gelagerte Phantom-Debatte um eine Umverteilung von Werbegeldern mithilfe der Politik weg von Plattformen hin zu Verlagen lenkt vom eigentlichen Thema ab. Podcasts sind das neue Radio, Newsletter die neuen Zeitungen, Youtube das neue Fernsehen. Die Mediengewohnheiten der Leute ändern sich, sie lassen aber halt die Verlage und TV-Sender hinter sich zurück.
Um Journalismus für die europäischen Gesellschaften zu erhalten, brauchen wir eine völlig neue Medieninfrastruktur. Dazu mehr in zukünftigen Blaupausen.

Sebastian Esser ist CEO der Membership-Plattform Steady und Herausgeber des mitgliederfinanzierten Magazins Krautreporter. Jeden Montag erscheint sein kostenloser Newsletter „Blaupause“ für Medien-Gründer, Community- Betreiber und Abo-Anbieter (steady.de/sebastian).
