Martin Hielscher und Christoph Bläsi über das Lektorat der Zukunft

Zwischen Algorithmus und Intuition

Foto/Video: KI-generiert, Freepik

Das Berufsbild im Lektorat befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation: Weg vom reinen „Textarbeiter“ hin zum strategischen Schnittstellenmanager, der sich zwischen algorithmischer Analyse und literarischem Gespür behaupten muss. Während die Digitalisierung und der Einsatz von KI neue Werkzeuge für Marketing und Recherche liefern, bleibt die Kernfrage bestehen, wie Qualität und Innovation in einem volatilen Markt gesichert werden können. Im dpr-Interview diskutieren Martin Hielscher und Christoph Bläsi über die Notwendigkeit eines geschulten „Bauchgefühls“, die Grenzen der Automatisierung bei anspruchsvoller Literatur und die harten wirtschaftlichen Realitäten einer Branche, die zunehmend von „Überzeugungstäter:innen“ getragen wird.

Das neue Intensivseminar „Lektorat und elementares Verlagswissen“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz setzt genau an diesem Punkt an. Durch eine „atmende Anpassung“ an die rasanten Marktentwicklungen schließt es die Lücke zwischen traditioneller akademischer Lehre und der heutigen Verlagspraxis. Es vermittelt nicht nur mediale und materiale Aspekte des Buches, sondern adressiert gezielt die neuen Rollenanforderungen – von der KI-gestützten Programmplanung bis hin zur Vermittlungskompetenz in einem digitalisierten, zunehmend „virtuellen“ Verlagsumfeld.

Das Intensivseminar wird auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt, am 19.3., um 15 Uhr auf der Bühne „Studium rund ums Buch“ (weitere Infos).

„Überall ist die Vermittlungskompetenz des Lektorats gefragt“

Vorbei die Zeit, in denen Lektor:innen in erster Linie Textarbeiter:innen waren. Heute stehen sie an der Schnittstelle aller Themen rund um die Hervorbringung eines Buches, werden verstärkt eingebunden in die Vermarktung, den Vertrieb usw. und treten öffentlich in Erscheinung. Wie hat sich die Arbeit in den letzten Jahren maßgeblich verändert, wo sind die stärksten Entwicklungslinien?

Martin Hielscher: Bei literarisch anspruchsvollen Büchern und auch bei entsprechend komplexeren Sachbüchern ist die Text- und Programmarbeit nach wie vor zentral, auch eine grundlegende Bildung und Belesenheit wichtig, bei seriösen Buchverlagen spielt zusätzlich die Autor:innen-Betreuung eine große Rolle. Die (Auch-)Rolle als Product Manager – so nennt man das dann ggf. –  ergibt sich v.a. dort, wo die Programmplanung stark vom Vertrieb gesteuert wird, und generell in Folge der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Fachabteilungen im Verlag, etwa bei der Abstimmung der Covergestaltung oder Vertriebswegen mit den Inhalten. Hier ist überall die Vermittlungskompetenz des Lektorats gefragt und notwendig.  

Christoph Bläsi: Vor allem aber ist der Buchmarkt mittlerweile überaus volatil – so kann man schon an den Zahlen ablesen, dass auch New Adult seinen Höhepunkt allmählich wieder überschritten hat … Und die für richtiges Handeln notwendige Einsicht in Gründe und Zusammenhänge von Marktbewegungen ist mehr als die bloße Feststellung von Änderungen in Excel-Sheets. Den institutionellen Eigengesetzlichkeiten der Fachabteilungen – also deren unvermeidlichen und nicht selten natürlich auch produktiven Beharrungskräften – ist eine Einsicht an die Seite zu stellen, dass sich der Markt gerade wieder verändert, andere Themen und Textstrategien aufkommen, und Gründe für diese beobachteten Veränderungen zu formulieren – und genau das leisten im optimalen Fall Lektorinnen und Lektoren. Die zunehmende Geschwindigkeit der Marktentwicklung und der Veränderungen dort erfordert schnelle Reaktionen – langfristige Planbarkeit war gestern, sozusagen. Und die Fragilität des Buchhandels macht die Gemengelage nicht einfacher. Bücher sind hedonische, d.h. geschmacksabhängige Güter – und die haben die Eigenschaft, zu essentiell „anarchischen“, algorithmisch und administrativ nicht beherrschbaren Zuständen zu führen. Da erfordert es genuines Verständnis – und natürlich auch ein gut entwickeltes Bauchgefühl.

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Christoph Bläsi (li., Foto: GodeNehler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons) und Martin Hielscher (Foto: Christoph Mukherjee)

„Die Digitalisierung und Verschlankung gibt den Lektorinnen und Lektoren mehr Einflussmöglichkeiten, fordert ihnen aber auch zusätzliche Aufgaben ab“

Welche Kompetenzen rücken immer stärker in den Vordergrund?

Martin Hielscher:  Na ja, als Meta-Kompetenz wahrscheinlich im Anschluss an das Vorherige die wache Sensibilität für schnell sich in den Inhalten, Textstrategien, Themen, Tonlagen, Genres Veränderndes – und zwar in internationaler Perspektive –, auch dafür, welche Autorinnen und Autoren gerade besondere Aufmerksamkeit erhalten. Dazu ein Verständnis für und Kompetenzen im Umgang mit einer veränderten Medienwelt, z.B. was Soziale Medien angeht. Wichtig ist eine grundsätzliche wertschätzende Begleitung von Marktveränderungen – allerdings bei anhaltendem Bewusstsein für angemessene Qualitätskriterien. Nicht alles passt zu jedem Verlag. Auch eine Versiertheit mit Ausgabeformaten jenseits von Standard-Hardcover und -Taschenbuch ist unabdingbar - man denke an Quality-Paperbacks, die neue, in gewissem Sinne der Medienentwicklung entgegen laufende Liebe zur Materialität der Bücher, an E-Books, Hörbücher oder Bots zu bestimmten Erzählwelten.

Welche Qualifikationen oder Weiterbildungen halten Sie für unverzichtbar, um als Lektor:in auch künftig relevant zu bleiben?

Martin Hielscher: Außer dem, was sich aus dem bereits Gesagten ergibt, ist das natürlich die Entwicklung einer begründeten und angemessenen Position zur Anwendung Künstlicher Intelligenz und die Fähigkeiten, diese – natürlich mit entsprechender technischer Unterstützung – entsprechend der Verlags-Policy auch umzusetzen. Und was Verlags-Policies angeht, ist zwischen einer dezidiert KI-freien Strategie und dem vollem Setzen auf KI vieles denkbar. Auch administrative Kenntnisse sind wichtig – die Digitalisierung und Verschlankung in den Verlagen gibt den Lektorinnen und Lektoren mehr Einflussmöglichkeiten, fordert ihnen aber auch zusätzliche Aufgaben ab.

Wie sollte die akademische Lehre auf den Wandel eingehen? Wie geht Ihr neues Intensivseminar „Lektorat und elementares Verlagswissen“ darauf ein?

Christoph Bläsi: In der universitären Lehre haben wir das Problem, dass wir Marktentwicklungen nur begrenzt hinterherspringen wollen – und v.a. auch oft nicht können: Curricula haben Vorläufe, Teile unseres Gegenstandes (Buchgeschichte) sind von diesen Entwicklungen unbeleckt, Institute haben ein sich nur langsam verjüngendes Kollegium, aus dem viele nicht mit den Entwicklungen sozialisiert sind – und uns fehlen nicht selten auch die Infrastruktur-Voraussetzungen im Sinne von Technik, Labors, etc. Im Intensivseminar werden wir eine geraffte Darstellung der medialen und materialen Aspekte von Büchern, wie wir sie in der Buchwissenschaft vermitteln, geben und uns dann – auf jeweils aktuellem Stand – dem Lektorat, insbesondere auch mit praxisorientierten Aspekten zu Programmplanung, Textarbeit, etc. widmen. Damit haben wir die Möglichkeit einer schnelleren, atmenden Anpassung an Entwicklungen, als das kurrikular möglich ist, wir können auch jährlich „nachschärfen“, immer auch mit Hilfe der kompetenten ReferentInnen.

Inwieweit beeinflusst Künstliche Intelligenz die tägliche Arbeit – wo sehen Sie Chancen und Grenzen?

Christoph Bläsi: Lassen Sie uns zunächst allgemein festhalten: KI hat auf der einen Seite den Hang zur Fortschreibung des Vorhandenen – auf der anderen Seite wird sie, z.B. mit den neuen Möglichkeiten der Agentic AI, also von Systemen, die eigenständig Ziele verfolgen, dem Zugrundelegen von eigenen, geprüften Datenbeständen und der Fähigkeit, Zwischenschritte offen zu legen, in fast beunruhigendem Ausmaß laufend besser. Für den Moment können wir, denke ich, aufrechterhalten, dass Aufgaben der Programmplanung, der Profilbildung als Verlag und natürlich der Autor:innenbetreung die Möglichkeiten von KI systematisch übersteigt – und über die Art von Literatur, bei deren Schreiben die KI eine wesentliche Rolle spielt, reden wir schon gar nicht. An geeigneter Stelle muss man das natürlich auch tun, das ist klar – aber nicht, wenn es um anspruchsvolle Bücher geht. Und auch dort, wo es ernsthaft um die Vermittlung von Emotionen geht, um die Identifikation mit den „großen Gefühlen“, ist fraglich, ob KI so etwas authentisch produzieren oder reproduzieren kann.

„Ein Verständnis für das mögliche Ende von Wellen, Moden bleibt erfolgskritisch“

Ganz konkret: Wo werden Lektor:innen konkret immer stärker KI einsetzen – und wo nicht?

Martin Hielscher: Ich rechne fest damit, dass beim Entwurf von Paratexten (Klappentexte, Werbetexte, …), bei der Orientierung angesichts fremdsprachiger Paratexte mit Hilfe maschineller Übersetzung, bei der Recherche, etc. KI eine wesentliche Rolle spielen wird - genauer gesagt weiß ich, dass das jetzt in Verlagen aller Größenklassen und Genres schon der Fall ist. Den zentralen Lektoratsprozess mit Hilfe von KI – Arbeit an Plot und Sprache – schließe ich, jenseits des Korrektorats, für ernsthafte Literatur erst einmal aus. Allerdings habe ich mit einem italienischen Kollegen, auf der Basis handelsüblicher Großer Sprachmodelle, jüngst einen „KI-Lektorats-Agenten“ gebaut, der für Romance-Geschichten doch wirklich Bewundernswertes erbringt … Übertragbar auf den allgemeinen Fall ist das natürlich nicht.

Wie verändern sich Beziehungen zu Autorinnen und Autoren, Verlagen und externen Dienstleistern durch den technologischen Wandel?

Martin Hielscher: Diese Veränderungen laufen schon seit vielen Jahren - so ist die digitale Fahnenkorrektur durch die Autor:innen inzwischen der Normalfall, verlassen sich die Verlage zunehmend darauf, dass Autor:innen eine Homepage haben und auf Social Media aktiv sind. Auch wenn bei seriösen Verlagen wie gesagt die Pflege der Autor:innen-Beziehungen nach wie vor wichtig ist, verlagert sich ein immer größerer Teil der Kommunikation ins Digitale, kommt es (auch infolge des digitalen Wandels durch die Pandemie) zu weniger physischen Zusammentreffen; man kann hier zum Teil regelrecht von einer Virtualisierung des Verlags sprechen. Und Cloud-Dokumente, an denen gemeinsam von Verlagsmitarbeiter:innen und Autor:innen gearbeitet wird, sind ein häufig schon Alltag gewordener Anfang der zunehmenden Integration von Betroffenen aller Art, insbesondere eben auch Autor:innen, in die internen Verlags-Abläufe. 

Bei Netflix & Co. werden die Inhalte sehr stark auf Basis von Datenauswertung (Nutzerdaten/-präferenzen) komponiert. Welche Rolle spielt datengetriebenes Arbeiten im Lektorat und welche Potenziale sehen Sie darin?

Christoph Bläsi: Im Genrebereich (im Moment zugegeben ein besonders wichtiges und großes Segment) - und mit Produkten wie DemandSense von MediaControl oder in der Vergangenheit auch LiSa von Qualifiction scheint das in der Tat denkbar, die Branchenpresse stürzt sich ja förmlich auf solche Systeme. Die Erstellung und Vermarktung von “more of the same” wird damit zweifelsohne noch leichter, auch wenn “more of the same” als solche natürlich keine Erfindung der letzten Jahre ist. Verlage, die von solchen Systemen Gebrauch machen, reden nicht darüber - man kann aber davon ausgehen, dass zumindest ausgedehnte Versuche laufen. Ein Verständnis für das mögliche Ende von Wellen, Moden, etc. bleibt allerdings erfolgskritisch. Und für eine längerfristige Planung und v.a. die Suche nach echten Innovationen ist das auch in keinem Fall eine Option.

„Der Buchmarkt ist keine genuine Wachstumsbranche“

Herr Hielscher, Sie haben zahlreiche Autor:innen für den deutschen Sprachraum entdeckt, zB Aravind Adiga oder Anthony Doerr. Werden solche Entdeckungen perspektivisch durch KI & Co. leichter oder schwieriger?

Martin Hielscher:  Ich denke, dass für derartige Entdeckungen KI keine Hilfe gewesen wäre; bei Adiga, Doerr und anderen stand am Anfang die Empfehlung von Agenturen in persönlichen Meetings mit mir bekannten Kolleg:innen und dann der eigene Leseeindruck. Vertrauen, Leidenschaft, Belesenheit, Intuition sind hier maßgebliche Kategorien. Auf diese Weise bin ich z.B. auch auf Jonas Lüscher gestoßen, dessen Debut “Frühling der Barbaren” bei C.H.Beck erschien.

In den USA zeichnet sich der Trend des boutique publishings ab. Sollten dem auch mehr deutsche Verlage folgen?

Christoph Bläsi:  Das kann möglicherweise ein Weg sein, unter widrigeren Umständen ein vielfältiges Programm aufrecht zu erhalten – wenn es größere, auch einmal ins Risiko gehende Einheiten (also Verlage) nicht mehr gibt, die sich das – nicht zuletzt oft mit punktueller öffentlicher oder mäzenatischer Förderung – entlang einer kulturellen Agenda zur Aufgabe machen … - Ein klassisch europäisches Vorgehen ist das auf jeden Fall nicht.

Die Lektor:innen klagen über geringe Bezahlung und hohe Arbeitsbelastung. Wir vom dpr haben vor einem Jahr ermittelt: Fast die Hälfte der Lektorinnen und Lektoren sind unzufrieden. Und genau zwei Drittel von ihnen denken manchmal daran, die Branche zu wechseln, um ein höheres Gehalt zu erzielen. Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht dringend nötig, um Lektoren besser zu entlohnen und zu halten?

Martin Hielscher:  Das soll nicht als Ausflucht dienen, aber entsprechende Begehrlichkeiten sind doch sehr nachfragebezogen - d.h.: Wenn das Interesse an (nicht nur) anspruchsvollen Büchern nicht wieder steigt, was sehr unwahrscheinlich ist, gibt es gewissermaßen nichts Zusätzliches zu verteilen. Der Buchmarkt ist keine genuine Wachstumsbranche. Das Lektorat bleibt damit auf absehbare Zeit wahrscheinlich ein Beruf für „Überzeugungstäter:innen“, für die die Kombination aus dosierter Selbstausbeutung, einem faszinierenden Aufgabenfeld, einem hohen Maß an Selbstverwirklichung, dem Umgang mit sehr interessanten Menschen und hohem sozialem Prestige attraktiv ist und bleibt. Ob das eine lebenslange Tätigkeit und auch Passion bleibt, ist möglicherweise fraglich - wie überhaupt berufliche Karrieren sich drastisch verändern. Selbstverständlich gehen, weil die Gehälter vermutlich nicht nennenswert steigen können, der Branche dadurch potentiell wertvolle Mitarbeiter:innen verloren.

Ihr Ausblick: Wird es in 20 Jahren noch Buchlektor:innen geben?

Christoph Bläsi: Das hoffen wir sehr, aber mehr als heute werden es ziemlich sicher nicht sein … - und angesichts der Weltsituation ist ein Horizont von 20 Jahren geradezu unverschämt lang und es spricht einiges dafür, dass das angesichts dieses Zeitraums dann nicht unbedingt unser größtes Problem sein wird …

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Martin Hielscher, Hon.Prof. an der Universität Bamberg, Dr.phil., bis 2023 Programmleiter für Belletristik im Verlag C.H.Beck, Autor, Übersetzer; Mitglied des PEN-Zentrums. Veröffentlichungen zuletzt u.a.: „Wunschort und Widerstand. Zum Werk Uwe Timms“ (Hg., zusammen mit Friedhelm Marx), 2020.

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Christoph Bläsi ist Professor für Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und ein Experte für die digitale Transformation der Medienbranche. Ein Forschungsschwerpunkt liegt in der Anwendung von Künstlicher Intelligenz im Verlagswesen. Vor seiner akademischen Karriere sammelte er umfassende Praxiserfahrung in leitenden Positionen der Verlagsbranche, unter anderem beim Bibliographischen Institut & F. A. Brockhaus.