Warum es 2026 für den Lokaljournalismus in Deutschland zum Lackmustest kommt
Media Next – die Zukunft der Lokalmedien #5: Heinz Alt sieht positive Signale für die Verlage
Europawahlen, Bundestagswahlen – bei großen politischen Ereignissen ist das Thema Desinformation längst präsent. Doch die Gefahr macht nicht vor dem Lokalen halt. Besonders kleine Gemeinden sind gefährdet. Und gerade dort befinden sich viele Lokalverlage zunehmend in der Defensive. Doch wie lässt sich eine Trendumkehr schaffen? Im fünften Teil meiner Serie beschreibe ich aktuelle Praxisbeispiele, die Hoffnung machen, was Lokalmedien in Zeiten von Desinformation leisten können und wo die Marktchancen für den Lokaljournalismus liegen.
Das Vorarlberger Zeitungshaus „Russmedia“ hat mit dem „AI Watch Dog“ ein KI-Tool entwickelt, das Journalisten Echtzeit-Informationen direkt aus dem Internet bereitstellt. Wie die KI die Arbeit der Redaktion in Schwarzach verändert, hat die Leiterin des digitalen Verlagswesens bei „Russmedia“, Lena Leibetseder, für den „INMA“-Report beschrieben.
Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:
Mit KI-gesteuerten Warnungen können sich Journalisten stärker auf tiefgehende Berichterstattung konzentrieren, anstatt wertvolle Zeit in manuelle Datenerhebung zu investieren. Durch die Integration moderner KI- und Datenscraping-Technologien setzt der Verlag neue Maßstäbe für datengetriebenen Journalismus.
Seit seiner Einführung überwacht der KI-Wachhund wichtige Themen, darunter Wasserstände im Rhein, Zugunterbrechungen durch ÖBB, Mobilfunk- und Internetausfälle in ganz Österreich, Regierungsausschreibungen, Protokolle der Gemeinderatssitzungen und offizielle Studien des Bundeslandes Vorarlberg.
Durch die kontinuierliche Überwachung kritischer Quellen stellt das Tool sicher, dass die Journalisten zu den ersten gehören, die über aktuelle Geschichten berichten.
Neben Echtzeitüberwachung ermöglicht der AI „Watch Dog“ Journalisten Automatisierung und reduziert so die Arbeitsbelastung bei der Informationsbeschaffung erheblich. Anstatt manuell nach Updates zu suchen, erhalten Reporter KI-gestützte Benachrichtigungen, die relevante Daten hervorheben.
Jarvis: Journalismus muss neu erfunden werden
In der US-Metropole Minneapolis wurden dieser Tage alle Medienhäuser in den USA auf die Probe gestellt, als ein ICE-Agent die 37-jährige Renee Nicole Good erschoss und für Protestdemonstrationen im ganzen Land sorgte. Das Video, das zuerst vom „Minnesota Reformer“ veröffentlicht wurde, ließ Zweifel an der Behauptung von Präsident Trump aufkommen, dass der ICE-Agent die Frau in Notwehr erschossen habe.
Max Nesterak, stellvertretender Chefredakteur des unabhängigen und gemeinnützigen Onlineportals, teilte das Video auf „X“, wo es mehr als 13 Millionen Mal angesehen wurde. Außerdem wurde das Video 338.000 Mal auf „Bluesky“ und etwa 338.000 Mal auf der YouTube-Seite von „Minnesota Reformer“ angesehen und war die Grundlage weiterer forensischer Auswertungen durch die „New York Times“ und „Washington Post“. (NiemanLab).
In Zeiten von Desinformation und zunehmender Abo-Müdigkeit vertritt der renommierte US-Journalist Jeff Jarvis gar die Meinung, dass die Zukunft des Journalismus neu erfunden werden müsse und verweist auf Medienneugründungen wie „Village Media“ und ähnliche neue Medienstart-ups. Das kanadische Unternehmen des ehemaligen Google-Managers Richard Gingras bietet KI-Tools, die lokale Behörden überwachen, filtern und auf Relevanz prüfen, bevor sie sie an Redakteure weitergeleitet werden. „Village Media“ lizenziert seine Technologie bereits an mehr als 100 Verlage.
In dem 17-minütigen Video-Podcast von Jeff Jarvis mit dem „Editor & Publisher Report“ spricht der Journalismus-Professor darüber, wie Zeitungshäuser die richtige Balance finden können zwischen Tradition, strukturellen Lasten auf der einen und Experimentierfreudigkeit auf der anderen Seite (hier nachzuhören).
Weitere Artikel aus der Serie
Lesen Sie auch weitere Teile der Serie „Media Next – die Zukunft der Lokalmedien“ von Heinz Alt:
KI – ein Gamechanger für Lokaljournalismus?
Was passiert, wenn Lokaljournalismus die Puste ausgeht?
KI-Technologie für die Hunde- und Katzen-Gesundheit
Sein Petitum an die Medienhäuser: Verlage müssten längst beginnen, Informationen selbst zu crawlen, relevante Daten aus und für ihre Märkte zu sammeln und diese nicht als Geschichten, sondern als Wissensspeicher für KI zugänglich machen, um daraus Dienste für Leser:innen zu entwickeln.
Und das müssen ja nicht immer nur Lokalnachrichten sein. Ein Beispiel aus Schweden, das ich gerade über den Jahreswechsel entdeckt habe und das sich als sehr hilfreich erwiesen hat: Das digitale Gesundheitsportal für Hunde und Katzen https://petsvetcheck.de, das über ein Wachstumsprogramm eines schwedischen Inkubators für Start-ups gefördert wurde, hat sich bereits in Deutschland etabliert und zeigt, was mit den richtigen Daten und mittels KI alles möglich ist. Mit einer übersichtlichen Navigation finden Tierbesitzer schnell die benötigten Informationen – sei es zu Symptomen, die sie bei ihren Tieren beobachten und beunruhigen, oder zu Krankheiten, Notfällen und Vergiftungen. Ein mühseliges Recherchieren im Internet kann entfallen.
Die umfangreiche Wissensdatenbank von „PetsVetCheck“ bietet eine breite Palette an Wissen zu Krankheiten und Störungen bei Hunden und Katzen. Etwa 550 und 570 Krankheiten bei Hunden bzw. Katzen werden detailliert, strukturiert und auf dem aktuellen Wissensstand beschrieben. KI-Technologie macht die Funktionalität des sog. Symptom-Checkers erst möglich.
Ein Bericht über die Gründer des Gesundheitsportals, eine Fachtierärztin für Kleintiere und ein Professor für Informatik und KI, nachzulesen in der schwedischen Zeitung „Smalandpost“ (hier in Deutsch übersetzt).
Medienbranche startet pessimistisch ins Jahr
Nie zuvor war die Erstellung von Angeboten für Spezialthemen und Nischenmärkte, sogenannte Verticals, so einfach wie heute. Chancen über Chancen also, die sich Redaktionen mit den neuen Technologien eröffnen, und dennoch startet die Medienbranche mit ungewöhnlich viel Pessimismus ins neue Jahr. Warum es der Branche so schwerfällt, Tempo aufzunehmen, und weshalb Redaktionen weiter so arbeiten wie vor zehn Jahren, hat Journalistin und Medienforscherin Alexandra Borschardt in ihrem Essay für den „Medieninsider“ plakativ beschrieben.
Die Nachrichtenbranche befindet sich im Wandel, mit alten Modellen, die verblassen, und neuen, die noch nicht vollständig ausgereift sind. So auch das Fazit des Trendberichts 2026 des „Reuters-Instituts“.
Die wichtigsten Trends der weltweiten Befragung unter 280 Entscheidern aus der Medienbranche:
Große Tech-Plattformen sind weiterhin bestimmend mit neuen Werkzeugen, die Inhalte auf oft magische Weise zu aggregieren und remixen zu können. Doch nicht alle Inhalte lassen sich leicht zusammenfassen. Zuverlässige Nachrichten, menschliche Geschichten und Standpunkte bleiben sowohl für Individuen als auch für die Gesellschaft wichtig.
Vertrauen ist wichtig, ebenso wie das Erlebnis, Nachrichten zu konsumieren, einschließlich der Verbindung mit anderen Menschen. So sei es auch unwahrscheinlich, dass der Traffic von Such- und KI-Aggregatoren vollständig austrockne.
Bei der Frage der Lizenzierung von Inhalten und der Verhandlung von Umsatzbeteiligungen sei der Ausgang zwar weiter offen, biete aber viele Chancen sowie Herausforderungen.
Die zunehmende Bedeutung sogenannter Creators und die zunehmende Hinwendung junger Menschen zu Video und Audio sind ein weiterer wichtiger Trend, der Nachrichtenmedien 2026 beschäftigen wird.
Die „New York Times“ hat deshalb längst einen Strategiewechsel eingeleitet und investiert verstärkt in vertikale Videos. Die Clips sind maximal drei Minuten lang und decken ein breites Spektrum ab: von Nachrichten und Meinungen bis hin zu Lifestyle-Themen wie Kochen und Sport. Die Einführung des sogenannten „Watch“-Tabs ist Teil der Bemühungen, eine jüngere Zielgruppe anzusprechen und die Reichweite der Marke zu erhöhen. Bis 2027 will die „Times“ 15.000.000 Abonnenten erreichen (mehr Infos).
Warum Schreibtischjournalismus erledigt ist
Lokalzeitungen hierzulande, die mangels Kapazitäten diesen Trends nur eingeschränkt folgen können, sollten auf die physische Präsenz vor Ort als wichtigstes Qualitätsmerkmal in den Vordergrund ihrer Bemühungen setzen. Denn Schreibtischjournalismus ist weitgehend erledigt und das bloße Umschichten von Agenturmeldungen oder das Zusammenfassen von Online-Quellen macht die KI heute besser, schneller und billiger.
Zeitungen als „Vertrauensanker“ bleiben unverzichtbar, umso mehr, als lokale Falschnachrichten, die konkrete Örtlichkeiten, bekannte Personen oder kommunale Projekte betreffen, direkt in die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort eingreifen. Der anstehende Wahlkampf, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – mit der neuen „Ostdeutschen Allgemeinen“, die sich ihrer ostdeutschen Wurzeln rühmt und einem Logo in Frakturschrift – lässt hier einiges erwarten.
Einmal mehr kommt es auf die örtlichen Medien an, die Hoheit über den demokratischen Diskurs zu behalten. Ein wichtiges Signal in diese Richtung hat gerade das Bayerische Staatsministerium für Digitales zusammen mit dem Bayerischen Innenministerium mit der Initiative „Allianz gegen Desinformation“ ausgesendet und damit den seriösen Informationsquellen den Rücken gestärkt (mehr Infos)

Heinz Alt ist selbstständiger Unternehmensberater und verfügt über mehr als 30 Jahre Verlagserfahrung in zahlreichen Führungspositionen, Geschäftsführung und Company-Building in verschiedenen Medienhäusern in Deutschland. Er berät Verlage, Medien-Startups und digitale Publisher und ist selbst Teilhaber einer aus einer Startup erwachsenen App-Agentur. Seine Mission ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für Lokaljournalismus mit Fokus auf die junge Zielgruppe. Heinz Alt ist Mitgründer des neuen Medien-Startup MOXIOS. MOXIOS ist Publisher und bietet Verlagen und Lokalmedien die Möglichkeit, die KI-Infrastruktur für die Ausspielung eigener News zu nutzen, um Nachrichtenlücken zu schließen, Sichtbarkeit und Traffic zu erhöhen und Pionier zu sein beim Aufbau eines neuen technikgetriebenen Journalismus.
