Innovationsbremse oder Lebenselixier?
Media Next – die Zukunft der Lokalmedien #6: Heinz Alt über neue Finanzierungsmodelle für Lokaljournalismus
Foto/Video: KI-generiert, Freepik
Die Medienbranche befindet sich im Wandel, mit alten Modellen, die verblassen, und neuen, die noch nicht vollständig ausgereift sind. Spannend deshalb der Blick darauf, welche Finanzierungsmodelle sich andernorts entwickeln und bewährt haben – oder eben nicht. Und fast hat es den Anschein, als käme Lokaljournalismus über kurz oder lang nicht mehr ohne Fördermittel oder Spendengelder aus?
In den USA hat gerade das „American Journalism Project“ (AJP) weitere 1,5 Millionen Dollar zur Unterstützung der hyperlokalen, mehrsprachigen Berichterstattung für die Metropole San Francisco angekündigt. Das Projekt „Mission Local“ wurde bereits 2008 als Projekt der „UC Berkeley Graduate School of Journalism“ gegründet, wurde 2014 unabhängig und 2022 gemeinnützig. Es ist zu einer vertrauenswürdigen Quelle für kostenlosen, gemeinwohlorientierten Journalismus in einer Stadt geworden, in der lokale Berichterstattung stark zurückgegangen ist:
Die stark auf Nachbarschaftshilfe ausgerichtete Berichterstattung hat zu greifbaren bürgerschaftlichen Ergebnissen geführt und mehrere nationale und staatliche Auszeichnungen erhalten, u. a. für Reportagen über aufstrebende KI-Pioniere, den Einsatz autonomer Fahrzeuge der örtlichen Feuerwehr in Notfallsituationen oder einen Unfall eines autonomen Cruise-Fahrzeugs, das einen Fußgänger festhielt und mitzog.
Mit Hilfe der AJP-Venture-Unterstützung ist es „Mission Local“ gelungen, nicht nur das Reportermodell auszubauen, sondern will im nächsten Schritt auch ein Business-Team aufbauen, um zusätzliche Erlöse zu erwirtschaften.
AJP hat seit seiner Gründung 2019 mehr als 250 Millionen US-Dollar gesammelt und in 54 gemeinnützige lokale Nachrichtenorganisationen in 37 Bundesstaaten und mehr als 100 Gemeinden investiert, wodurch der Zugang zu vertrauenswürdiger, unabhängiger Lokalberichterstattung ermöglicht wurde. „Mission Local“ ist eines davon (mehr Infos).
Neue Wege bei der Medienförderung
Im Nachbarland Österreich scheint man aus den Fehlern der Vergangenheit bei staatlicher Medienförderung endlich Konsequenzen zu ziehen. Die Fördermittel in Höhe von mehr als 80 Millionen Euro seien nicht zielgerichtet genug eingesetzt worden.
Im Zusammenhang mit der geplanten Reform der Medienförderung hat Medienminister Andreas Babler (SPÖ) im November eine wissenschaftliche Analyse beim „Medienhaus Wien“ beauftragt, um entsprechende Vorschläge für eine Neuausrichtung auszuarbeiten. Mittlerweile liegen erste Empfehlungen vor – unter anderem die Einrichtung einer neuen, dauerhaften und politikfernen Journalismus-Förderkommission, die Mittel nach verbindlichen Qualitätsstandards vergeben soll. Es sei wichtig, Journalismusförderung so zu organisieren, dass sie nicht von politischen oder persönlichen Vorlieben der jeweils Mächtigen abhängig ist, erklären die Kritiker der bisherigen Vergabepraxis. Die Auswüchse fehlgeleiteter Medienförderung sind unter dem Stichwort „Inseratenkorruption“ noch in bester Erinnerung.
Vergabeverfahren in anderen europäischen Ländern, die gezielt journalistische Innovationen fördern, seien dabei beispielgebend.
Wie es um den Journalismus in Österreich tatsächlich steht und warum ohne staatliche Gelder eine gewisse Vielfalt und ein wirklich seriöser Journalismus nicht machbar ist, nachzulesen in dem ausführlichen Gespräch von Stefan Niggemeier mit Medienhaus-Inhaber Andy Kaltenbrunner im neu gegründeten Online-Medium „Jetzt.at“ (mehr lesen).
Weitere Artikel aus der Serie
Lesen Sie auch weitere Teile der Serie „Media Next – die Zukunft der Lokalmedien“ von Heinz Alt:
Im Clinch mit Palantir
Was kleine spenden- und mitgliederfinanzierte Medien bewegen können, hat gerade das Schweizer Onlinemedium „Republik“ erlebt. Weil das US-Softwareunternehmen Palantir, das auf Big-Data-Analyse spezialisiert ist, eine Gegendarstellung einklagt, löst dies in der Schweiz eine Welle der Solidarität und von Spendenbekundungen aus.
„Republik“ hatte im Dezember umfangreich aus Akten der Schweizer Verwaltung zitiert. Demnach suchte Palantir immer wieder Kontakt zu Schweizer Behörden – und fand ihn auch. Es ging um Militär, Polizei und Gesundheitsbehörden. Zu einem Geschäftsabschluss kam es dabei aber offenbar nicht. Von der Berichterstattung darüber fand sich Palantir ungerecht behandelt.
Republik.ch erscheint seit 2018, es ist werbefrei und ausschließlich online und wird vor allem von den 30.000 Abonnenten, großteils mitstimmungsberechtigten Genossenschaftsmitgliedern, getragen (mehr auf heise.de).
Einen ganz pragmatischen und nicht weniger erfolgreichen Weg, lokale Medien zu stützen, verfolgt seit letztem Jahr der US-Staat Illinois in Form von Steuervergünstigungen. Wie eine jetzt veröffentlichte Studie belegt, wurden 2025 über das Förderprogramm „Rebuild Local News“ mehr als 4 Millionen Dollar an Steuergutschriften zur Unterstützung von mehr als 260 lokalen Journalistenjobs bei 55 Lokalmedien, die mehr als 120 lokale Medien im ganzen Bundesstaat betreiben, ausgeschüttet. Für jeden qualifizierten bestehenden Arbeitsplatz, der in den letzten 12 Monaten beschäftigt war, konnten Verlage so eine 15.000-US-Dollar-Gutschrift erhalten und eine 10.000-Dollar-Gutschrift für jede neu geschaffene Journalistenstelle. Das Programm ist für die Laufzeit von fünf Jahren und mit 25 Millionen Dollar ausgestattet (mehr ist beim Nieman Lab zu lesen)
Wie „Strib“ Werbung in eigener Sache macht
Steuermittel, auf die „The Minnesota Star Tribune“ im Moment nicht angewiesen ist. Durch die Berichterstattung rund um das harte Eingreifen der US-Einwanderungsbehörden mit zwei Toten machte der „Strib“ beste Werbung in eigener Sache (mehr Infos):
· Der „Strib“ stellte seinen Live-Breaking-News außerhalb der Bezahlschranke, um einen breiten öffentlichen Zugang zu gewährleisten.
· Abonnenten konnten unbegrenzt Artikel verschenken, wodurch die Reichweite des „Strib“ weit über die Grenzen hinausging.
· Es wurde ein vergünstigter Mehrfach-Account zum Familientarif eingeführt, um die Berichterstattung für Haushalte der Region zugänglicher zu machen.
· Die Leser wurden aufgerufen, die Berichterstattung des „Strib“ an „vorderster Front“ durch Spenden an den „Local News Fund“ zu unterstützen.
· Und während sich die weltweite Aufmerksamkeit auf Minnesota richtet, startete der „Strib“ sogar eine neue Markenkampagne mit dem Claim „Because the world is watching“, die von der hausinternen Agentur erstellt wurde und auf Video-Pre-Rolls und Werbetafeln in der Innenstadt von Minneapolis ausgespielt wurde.
Immer öfter richten Zeitungsverlage in den USA eigene gemeinnützige Organisationen ein, an die Spender steuerlich absetzbare Beiträge leisten können, um unabhängigen Journalismus zu unterstützen. So richtete „The Seattle Times“ bereits 2019 einen Fonds ein, um eines der größten lokalen Investigativteams in den USA aufzubauen (mehr Infos).
Den Wandel von einem rein gewinnorientierten Geschäftsmodell in eine gemeinnützige Organisation hat 2016 auch „The Philadelphia Inquirer“ vollzogen. Der „Inquirer“ selbst ist auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, der gemeinnützige Teil der Organisation unterstützt andere Medienhäuser, wie etwa die kriselnde Nachbar-Zeitung „Pittsburgh Post-Gazette“, um diese wiederzubeleben.
Und auch „The Salt Lake Tribune“ ist ein gelungenes Beispiel eines reinen Non-Profit-Modells einer Tageszeitung. Der Milliardär und Eigentümer Paul Huntsman wandelte die Zeitung 2019 in eine gemeinnützige Organisation um, nachdem er sie drei Jahre zuvor von der hedgefondsfinanzierten Alden-Group gekauft hatte. Erst kürzlich gab die Chefredakteurin der „Tribune“ bekannt, ihre Berichterstattung auszubauen und die Bezahlschranke zugunsten freiwilliger Zahlungen abzuschaffen (mehr Infos).
Finanzierungsmodelle für Lokaljournalismus, die sich hierzulande noch nicht durchgesetzt haben
Noch bescheiden und mit deutlich weniger philanthropischem Kapital ausgestattet, sind vergleichbare Initiativen, wie etwa der „Media Forward Fund“. Aber immerhin: Nach einer ersten Ausschreibungsrunde im letzten Jahr hat das mit Stiftungsgeldern finanzierte Projekt im Februar einen weiteren 400.000-Euro-Fördertopf aufgemacht. Gesucht sind gemeinwohlorientierte Medienorganisationen aus der DACH-Region, die mit konkreten Vorhaben journalistische Versorgungslücken schließen wollen und ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit weiterentwickeln wollen (mehr Infos).
Noch auf sich warten lässt dagegen der Startschuss des Bündnisses für ein informiertes und starkes Europa (InInfo), das sich als eine Art Lobbyverband für gemeinwohlorientierte Medienmacher:innen verstehen will, u. a. mit dem Ziel, Rechtssicherheit für gemeinwohlorientierte Medien zu schaffen, neue Lokalmedien zu gründen und zu fördern und Forschungswissen in die Praxis zu bringen (mehr Infos).
Für wahr, es gibt noch viel zu tun.

Heinz Alt ist selbstständiger Unternehmensberater und verfügt über mehr als 30 Jahre Verlagserfahrung in zahlreichen Führungspositionen, Geschäftsführung und Company-Building in verschiedenen Medienhäusern in Deutschland. Er berät Verlage, Medien-Startups und digitale Publisher und ist selbst Teilhaber einer aus einer Startup erwachsenen App-Agentur. Seine Mission ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für Lokaljournalismus mit Fokus auf die junge Zielgruppe. Heinz Alt ist Mitgründer des neuen Medien-Startup MOXIOS. MOXIOS ist Publisher und bietet Verlagen und Lokalmedien die Möglichkeit, die KI-Infrastruktur für die Ausspielung eigener News zu nutzen, um Nachrichtenlücken zu schließen, Sichtbarkeit und Traffic zu erhöhen und Pionier zu sein beim Aufbau eines neuen technikgetriebenen Journalismus.
