Weniger als ein Drittel des Durchschnittseinkommens: Literaturübersetzer:innen in der Armutsfalle
Neues Einkommensdossier des Verbands deutschsprachiger Übersetzer:innen
Trotz wachsender Bedeutung für den Buchmarkt verdienen Literaturübersetzer:innen in Deutschland so wenig wie seit Jahrzehnten. Der gesamte Berufsstand steht auf dem Spiel.
Jedes siebte Buch, das in Deutschland neu erscheint, ist eine Übersetzung. Zu den meistverkauften Titeln des größten deutschen Publikumsverlags Penguin Random House zählten 2024 gleich zwei übersetzte Werke: der Roman Das Mädchen aus Yorkshire und Yuval Noah Hararis Sachbuch Nexus. Die Menschen, die diese Bücher ins Deutsche übertragen haben, verdienten dafür im Schnitt weniger als 21.000 Euro im Jahr – vor Abzug von Steuern und Sozialabgaben.
Das geht aus dem aktuellen Einkommensdossier (PDF Download) der Honorarkommission des Verbands deutschsprachiger Übersetzer:innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) hervor, das im März 2026 veröffentlicht wurde. Die Zahlen sind ernüchternd: Das mittlere Jahreseinkommen der Literaturübersetzenden lag 2024 laut Künstlersozialkasse bei 20.363 Euro – das entspricht weniger als einem Drittel des deutschen Durchschnittseinkommens aller Beschäftigten.
Reallöhne seit Jahren im freien Fall
Dabei arbeiten die meisten Literaturübersetzenden ganzjährig und sind nach eigener Auskunft voll ausgelastet. Das niedrige Einkommen ist kein Zeichen mangelnder Auslastung, sondern Ausdruck strukturell schlechter Bezahlung. Die branchübliche Vergütung je Normseite stieg zwischen 2020 und 2023 nominal um lediglich 2,9 Prozent – bei einem gleichzeitigen allgemeinen Kaufkraftverlust von knapp 17 Prozent im selben Zeitraum. Real hat sich das Einkommen der Übersetzenden also deutlich verschlechtert.
Hinzu kommt: Obwohl der Bundesgerichtshof bereits in den Jahren 2009 und 2011 klare Mindestvorgaben für Verkaufs- und Lizenzbeteiligungen festgelegt hat – konkret eine Mindestbeteiligung ab dem 5.001. verkauften Druckexemplar –, werden diese Sätze laut der VdÜ-Honorarumfrage 2023/2024 in rund 38 Prozent aller Übersetzungsverträge unterschritten. Viele Verlage, darunter insbesondere große Konzernverlagshäuser, bieten Übersetzenden ausschließlich nicht verhandelbare Hausverträge an.
Das Gesetz greift nicht
Dass die Lage so ist, wie sie ist, obwohl der Gesetzgeber seit über zwei Jahrzehnten gegenzusteuern versucht, macht die Situation besonders bitter. Schon 2002 wurde mit einer Urhebervertragsrechtsnovelle – dem sogenannten Stärkungsgesetz – versucht, die Einkommenssituation der Kreativen zu verbessern. Die Wirkung blieb aus. Die Einkommen der Literaturübersetzenden verharren auf dem seit Jahrzehnten extrem niedrigen Niveau.
Für die Betroffenen hat das dramatische Folgen: Wer ein Jahreseinkommen von 20.000 Euro erzielt, kann weder Rücklagen bilden noch eine adäquate Altersvorsorge aufbauen. Armut im Alter ist für viele Literaturübersetzende keine abstrakte Möglichkeit, sondern eine realistische Perspektive.
Am seidenen Faden des Idealismus
Die Konsequenzen sind längst spürbar: Immer mehr Literaturübersetzende denken darüber nach, den Beruf aufzugeben. Nicht wenige haben diesen Schritt bereits getan. Der Branchenbeobachter Thomas Hummitzsch brachte es auf den Punkt: Die deutschsprachige Verlagsbranche hänge nur noch am seidenen Faden des Idealismus derjenigen, die uns die Weltliteratur erschließen.
Der VdÜ fordert deshalb ein Bündel an Maßnahmen: eine substanzielle Ausweitung der staatlich finanzierten Übersetzungsförderung, eine deutliche Erhöhung der Bibliothekstantiemen sowie eine Stärkung kollektiver Vergütungselemente. Rückendeckung erhält der Verband dabei von einem aktuellen Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das im Auftrag des Bundesjustizministeriums erstellt wurde und eine Reform des urheberrechtlichen Vergütungssystems empfiehlt.
Angesichts eines deutschen Buchmarktumsatzes von rund 5,4 Milliarden Euro (2023) und des wachsenden Anteils von Übersetzungen am Titelangebot – von 12,4 Prozent (2015) auf 15 Prozent (2024) – erscheint die Einkommenssituation der Übersetzenden als das, was sie ist: ein strukturelles Versagen des Marktes zulasten derjenigen, die ihn mitermöglichen.
Das vollständige Einkommensdossier ist auf der Website des VdÜ (literaturuebersetzer.de) abrufbar.
