Nach dem Regen sprießen die Pilze
Sebastian Esser hegt neue Hoffnung für den Lokaljournalismus.
Der Lokaljournalismus ist so gut wie tot, sagen alle. Ich glaube seit Kurzem das Gegenteil: Dem Lokaljournalismus steht eine Wiedergeburt ins Haus. Leider habe ich persönlich kein Risikokapital, sondern vier Kinder. Sonst würde ich investieren, und zwar genau jetzt.
Es wird erstmal schlimmer
Stürbe der Lokaljournalismus, wäre das ein Problem. Denn in den Gemeinden finden die Ratssitzungen statt, arbeiten die Gemeindeverwaltungen, hier organisieren sich Vereine und Initiativen. Hier passiert Demokratie.
Vieles davon wird schon heute nicht mehr journalistisch begleitet. Zwar gibt es in Deutschland noch nicht die berühmten news deserts wie in Amerika, wo schlicht gar kein Journalismus mehr stattfindet, aber die Realität ist dennoch bedrückender, als man sich gemeinhin bewusst macht. Denn die verbliebenen Journalist:innen vor Ort sind so damit beschäftigt, mit viel zu wenig Leuten Seiten zu füllen (es findet sehr viel copy&paste statt), dass kaum noch Zeit für echte Recherche bleibt.
Und es wird schlimmer. Denn es ist eine große Konsolidierung im Gange. Wenige Verlage kaufen immer mehr Regionalzeitungen ein. Sie teilen das Land unter sich auf – so wie es jetzt schon in den USA aussieht. Die Oligopolisten verhalten sich dort wie Private-Equity-Unternehmen, die berühmten Heuschrecken. Sie prügeln die Kosten so weit wie möglich runter und melken ihre Gebietsmonopole, bis nichts mehr übrig ist.
Lokaljournalismus, das hängt im Moment noch an Regionalzeitungen und ihren Lokalausgaben. Nur lesen jüngere Leute keine Zeitungen. Aber sie interessieren sie sich dafür, was in ihrer Heimat los ist: 84 Prozent der Befragten sind an lokalen Informationen interessiert, steht im Reuters Digital News Report.
Transformation = hohe Renditen
Ein rumänisches Sprichwort, das ich diese Woche gelernt habe, lautet: „Nach dem Regen sprießen die Pilze.“ Nun, es hat geregnet.
In den vergangenen Wochen ist ein technologischer Knoten geplatzt. Große Sprachmodelle, vor allem Anthropic mit Claude Code, haben inzwischen einen Punkt erreicht, an dem sie vollautomatisch lokal relevante, inhaltlich korrekte journalistische Produkte produzieren können, die das Vakuum füllen, das Lokalzeitungen entstehen lassen.
Und jetzt sprießen die Pilze. Eine wachsende Zahl von Start-ups sieht auf einmal einen Markt, der transformiert wird, statt eines Marktes, der stirbt. Denn Transformation bedeutet: hohe Renditen.
Ohne Redakteur:innen, ohne Büros, ohne Druckmaschinen – stattdessen durchkämmen Algorithmen das Netz nach lokalen Infos und machen daraus Newsletter, Podcasts und Direktnachrichtenprodukte machen. Gemeindewebseiten, Vereinsseiten, Facebook-Gruppen, Polizeimeldungen, Pressemitteilungen von Firmen und Initiativen verarbeiten sie zu Newsletter- und DM-Produkten, die per Whatsapp, SMS oder E-Mail direkt versendet werden.
So funktioniert’s
Technologisch setzen diese Projekte auf Multi-Agent-Systeme: Statt einer einzigen KI arbeiten mehrere spezialisierte Programme zusammen: Eins sucht die Themen raus, eins schreibt, eins liest gegen. Sie korrigieren sich in Schleifen so lange gegenseitig, bis die Qualität gut genug ist, um die neue Ausgabe veröffentlichen zu können.
Das ist kein Quatsch. Das amerikanische Projekt Good Daily kuratiert seit dem vergangenen Jahr lokale Nachrichten für 355 Städte, betrieben von einer einzigen Person. Patch, ein Netzwerk mit ursprünglich 1.100 Communitys, ersetzte seine menschlichen Newsletter-Kurator:innen durch KIs und wuchs innerhalb von wenigen Monaten auf 30.000 Gemeinden mit 400.000 Abos.
Auch in Deutschland tut sich was: Der Ippen-Verlag generierte zur Bundestagswahl 2025 über 1.000 lokal angepasste Wahlergebnisartikel auf 13 Portalen: 441.000 Seitenaufrufe in fünf Tagen. Die Süddeutsche startete im vergangenen Jahr acht WhatsApp-Kanäle für Landkreise rund um München, unterstützt durch KI-Analysen des Berliner Start-ups BeatSquares, und sammelte innerhalb von drei Tagen 4.000 Abos ein.
Warum Start-ups das besser können
Ich schätze, dass kein Verlag, sondern ein Start-up das Rennen machen wird. Denn wenn man mit einer Samwer-Brüder-Brille auf die Situation guckt, sieht man einen Geo-Rollout-Markt – und darin gewinnt fast immer der Schnellste, nicht der Beste. Uber gegen Lyft, Delivery Hero gegen Foodora, Nextdoor gegen Nebenan.de: Überall hat die Geschwindigkeit am Ende den Ausschlag gegeben.
Deutschland zählt 10.747 Gemeinden. Ein automatisierter Durchlauf aller lokalen Quellen einer Gemeinde kostet so gut wie nichts. Die Einrichtung einer neuen Gemeinde dauert nur wenige Stunden. Pro Gemeinde ist ein Jahresumsatz von mehreren zehntausend Euro möglich, durch lokale Werbung, kommunale Spezialangebote, Lead-Generierung.
Das macht dieses Modell interessant für Investoren. Denn solche Geschäftsmodelle sind alles andere als neu – uns sehr rentabel.
Daten aggregieren: Öffentlich verfügbare fragmentierte Informationen sammeln und als Premium-Produkt verkaufen, das machen Start-ups schon lange. Scout24, rund 8 Milliarden Euro wert, hat das mit Wohnungen gemacht.
Geo-Rollout: Ein Produkt Stadt für Stadt ausrollen ist ein bekanntes Modell, bekannt von Delivery Hero, etwa 35 Milliarden Euro wert, oder Flix Mobility, etwa 3 Milliarden Euro wert.
Lokaler Marktplatz: Lokale Zielgruppen aufbauen und Zugang dazu verkaufen machen Check24, (über 10 Milliarden Euro wert), oder Plattformen wie MyHammer.
Infrastrukturplattform: Eine Engine mit tausenden Instanzen, so machen das Jimdo, Shopify – und Steady.
In hyperlokalen Märkten ist wahrscheinlich nur Platz für einen Anbieter, nicht für drei. Sobald die Leute ihren lokalen Newsletter kennen und die WhatsApp-Gruppe steht, ist es schwer, sie zum Wechseln zu bringen.
Automatisierte Ansätze haben da einen brutalen Vorteil. Weil ein Wettbewerber mit menschlicher Redaktion zwei Wochen für eine Gemeinde braucht, besetzt eine KI-Plattform in derselben Zeit theoretisch hunderte. Dazu kommt ein Dateneffekt: je mehr Gemeinden, desto besser die Modelle. Spätere Wettbewerber können diesen Vorsprung nur schwer aufholen.
Der Start-up-Case zusammengefasst:
Perfektes Timing: Marktfenster offen, Unit Economics krass. Schnellster Rollout × stärkste Automatisierung × frühester Community-Lock-in = Winner takes most.
Das ist doch kein Journalismus
Ich weiß genau, was viele Blaupause-Leserinnen jetzt denken: „Das ist doch kein Journalismus.“
Klar, es ist nicht die Art von Journalismus, die wir kennen. Aber sind wir ehrlich: Vieles, was in Lokalteilen passiert, ist auch heute kein Journalismus. Es sind Servicedienstleistungen, Datenverarbeitung und -vermittlung. Der Termin für das Feuerwehrfest, wer beim Dorffußball gewonnen hat und die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek sind nützlich, aber kein Journalismus. Der jährliche Kirmes-Eröffnungs-Bericht (ich habe selbst einige davon geschrieben) ist eher Unterhaltung als Journalismus.
All das lässt den wenigen verbliebenen Reporter:innen vor Ort kaum noch Zeit, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen: recherchieren. Und genau darin liegt die Chance in diesem KI-getriebenen Modell: In den Daten, die sie automatisch scrapen und analysieren, stecken echte Storys. Die Maschinen übernehmen die Fleißarbeit – und Journalist:innen können endlich wieder, entlastet von der Produktion von Copy-and-Paste-Inhalten – ihren tatsächlichen Job für die Demokratie machen: Gespräche führen, nachfragen, Quellen finden.
Investierst du?
Ich glaube: Ein Start-up wird es in den nächsten Monaten hinbekommen, diesen Markt zu dominieren. Ich kenne einige dieser Projekte und Gründer:innen persönlich. Die meisten Teams befinden sich in der frühen Phase und suchen Angel-Investments. Sollte es unter den Blaupause-Leser:innen Leute geben, die bei diesem Abenteuer dabei sein wollen, vermittle ich gern Gespräche.

Sebastian Esser ist CEO der Membership-Plattform Steady und Herausgeber des mitgliederfinanzierten Magazins Krautreporter. Jeden Montag erscheint sein kostenloser Newsletter „Blaupause“ für Medien-Gründer, Community- Betreiber und Abo-Anbieter (steady.de/sebastian).
