Gute Zeiten, gute Zeiten?

Beim ersten „Seitenwechsel“ von Bastei Lübbe teilten RTL und „Die Zeit“ ihre Erfolgsrezepte – und warfen einen betont optimistischen Blick in die Zukunft der Medienlandschaft.

Published 5.5.2026  |  Fotos: Bastei Lübbe

Das Wichtigste vorab: Es braucht Formate wie den von Bastei Lübbe initiierten „Seitenwechsel“ ganz dringend, bei dem unterschiedliche Vertreter:innen der Wirtschafts-, Medien- und Kreativbranche aufeinandertreffen – die Betonung liegt auf „unterschiedlich“, denn die zu diskutierenden Herausforderungen, Gefahren und Chancen orientieren sich nicht an Format- oder Branchengrenzen. Nur so können die Teilbranchen voneinander lernen und schneller auf Trends reagieren.

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Spannungsfeld von Unterhaltung und Qualität?

Zum Debüt der Veranstaltungsreihe hatte Bastei-Lübbe-CEO Soheil Dastyari als Moderator zwei profilierte Stimmen der deutschen Medienlandschaft eingeladen: Inga Leschek, Chief Content Officer von RTL Deutschland, sowie Rainer Esser, ehemals CEO und Vorsitzender der Geschäftsführung der „Zeit“, der heute als Executive Advisor bei Holtzbrinck und Mitglied im Aufsichtsrat die Wochenzeitung begleitet. Das Thema: „Die Zukunft der Medien im Spannungsfeld von Unterhaltung und Qualität“.

Was an der Diskussion zunächst auffiel: Das so titulierte „Spannungsfeld“ existiert in den Augen der Gäste offenbar gar nicht, da sich beide Pole nicht ausschließen, sondern elegant nebeneinander existieren können und auch werden: Der mainstreamige „Zeit“-Aufmacher zu psychischen Problemen neben dem Politik-Leitartikel. Dieter Bohlens dauererfolgreiche Rant-Maschine DSDS neben anspruchsvollen RTL-Dokumentationen. Und auch die KI werde weder den „Zeit“-Qualitätsjournalismus noch die RTL-Moderator:innen ersetzen. Haken dran.

Krisenlamento ohne Konjunktur

Überhaupt fiel an den Ausführungen von Leschek und Esser das nicht besonders stark ausgeprägte oder zumindest öffentlich kaum vorgezeigte Krisenbewusstsein auf.

  • Dass viele Zeitungs-Strategen inzwischen davon ausgehen, dass die gedruckte Zeitung auf absehbare Zeit stirbt. Dass in ganzen Regionen in Ostdeutschland schon heute keine Print-Zeitung mehr erscheint – und das in Zeiten, in denen gerade journalistische Inhalte im Kampf gegen Fake News so wichtig sind ... Dass am Ende voraussichtlich nur die großen Zeitungsmarken (digital) überleben werden, weil das Presse-Geschäftsmodell der kleinen und mittelgroßen Verlage einbricht? Eher kein Thema auf dem Podium.

  • Dass in der jungen Zielgruppe das lineare Fernsehen seine Relevanz kontinuierlich einbüßt? Leschek: „Lineares Fernsehen wird es immer geben!“

Freilich hat der vorgezeigte Optimismus der Gäste gute Gründe:

  • Die „Zeit“ feiert einen Auflagenrekord nach dem anderen – Esser erinnerte daran, dass die Auflage in 30 Jahren um 50 % gewachsen und der Umsatz vervierfacht worden sei; die Redaktion sei in diesem Zeitraum von 100 auf 500 Köpfe (davon übrigens 300 Online-Journalist:innen) gewachsen.

  • Inga Leschek zog mit dem Rückenwind der EU-Kommission ins Lübbe-Foyer ein, die gerade grünes Licht für die Übernahme von Sky durch RTL gegeben hatte – wodurch RTL laut Leschek nun drittgrößter Streaming-Anbieter hierzulande werde.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass zumindest bei den Medienhäusern in Köln und Hamburg gerade das Krisenlamento, das woanders vorherrscht, keine allzu große Konjunktur hat – und dass die Diskussion auf dem Bastei-Podium auffällig sonnig ausfiel.

„Neue Formate, fortwährende Innovation“

Und dann war da doch ein Thema, das als Herausforderung für Medien wahrgenommen wird: nämlich die, im Kampf um die Aufmerksamkeit der Zielgruppen (Netflix? Games? TikTok?) mit neuen Angeboten Erfolg zu haben. Inga Leschek räumte ein, dass es immer schwieriger werde, mit neuen Angeboten ein Publikum zu erreichen. Was bei RTL immerhin nicht so schlimm sei, weil dort etablierte, teilweise schon alte Marken und Formate („Ich bin ein Star...“, DSDS, „Let's dance“) weiterhin stark nachgefragt würden.

Und doch wird die Stabilität der älteren Formate nicht ewig anhalten, weshalb auch RTL & Co. gezwungen sind, kontinuierlich neue Formate zu testen, um Aufmerksamkeit zu werben. Rainer Esser erinnerte in diesem Kontext an die Ursprünge des Podcast-Formats bei der „Zeit“. Er erzählte, wie er den in den USA entdeckten Trend an den heutigen Co-Chefredakteur Jochen Wegner herantrug und wie daraus die ersten Podcast-Sendungen entstanden.

Essers Devise in diesem Fall sowie insgesamt bei Innovationen: mit kleiner Münze etwas Neues testen, sodass es gar nicht groß auffällt, wenn etwas nicht gelingt (auch dem Gesellschafter nicht). Zwar sei das Podcast-Budget zunächst meist überzogen worden, „aber ich wusste: Irgendwann kommen die Werber!“, formulierte Esser eine Attitüde, die man sonst eher von Start-ups kennt: erst die Reichweite, dann das Geschäftsmodell. Bei den „Zeit“-Podcasts gelang das Wagnis. Heute umfasse das Portfolio 27 Sendungen, die in Spitzenmonaten für über 20 Mio. Downloads sorgten. Das Geschäftsmodell: Werbefinanzierung; seit einem Jahr testet die „Zeit“ auch ein Podcast-Abo (aktuell 4,60 Euro/Monat).

„Große Medienmarken haben genug Möglichkeiten, sich zu diversifizieren und unabhängiger von Werbeerlösen zu werden. Es fehlt selten an Ideen, öfter am Mut zur Umsetzung“, fasste Esser später auf LinkedIn seine Überzeugung. Das Wichtigste, was die Medienbranche jetzt tun müsse: „neue Formate, neue Formate, neue Formate, fortwährende Innovation.“

Die Macht der Community

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Community-Building deluxe: Mit dem LYX-Festival in Köln lockte Lübbe fast 5000 Besucher:innen an zwei Tagen an.

Ein weiteres thematisches Highlight des Abends kam leider etwas zu kurz: die Relevanz von Communities. Auch hier hat die „Zeit“ einiges vorzuweisen, so etwa das 2017 gestartete Leser:innen-Bindungsprogramm „Freunde der Zeit“ (seinerzeit maßgeblich von Lennart Schneider – heute Subscribe now-Host – zum Erfolg geführt), das gezielt auch als Brutkasten für neue Produkte genutzt wird. „Communities werden in Zeiten von KI nicht unwichtiger, sondern wichtiger“, versicherte Esser. „Wenn Inhalte ubiquitär werden, ist echte Bindung der entscheidende Wettbewerbsvorteil.“

Der „Zeit“-Manager richtete am Ende die Frage an Lübbe-Chef Dastyari nach den eigenen Community-Erfahrungen – aus Zeitknappheit blieb die Antwort kurz, leider zu kurz, denn da hat Lübbe einiges vorzuweisen. Auf der Buchmesse 2025 hatte sich Dastyari dazu im Detail geäußert und erstaunliche Zahlen und Fakten genannt (hier mehr lesen).

Spätestens bei diesem Thema hätte man sich gewünscht, dass Dastyari als Diskutant und nicht primär als (sehr versierter) Moderator fungiert und noch stärker die Erfahrungen des Buchverlags einbringt. Das würde den „Seitenwechsel“ komplett machen.