„Panta rhei“ – alles fließt
Roman Schurter führt ein in Liquid Content
Published 30.4.2026 | Foto/Video: Freepik
In letzter Zeit taucht in meinem Umfeld immer wieder der Begriff «Liquid Content» auf (zum Beispiel hier oder hier oder hier) – und je mehr ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Das ist kein Hype-Begriff, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung dessen, was digitale Inhalte eigentlich sein sollten (aber oft nicht sind).
Die Idee dahinter ist simpel: Content sollte nicht in starren Formaten gefangen sein, sondern sich flexibel an verschiedene Kontexte anpassen können. Wie Wasser, das die Form seines Gefäßes annimmt.
Das Problem mit traditionellem Content
Schau dir ein klassisches E-Book an: Es ist im Grunde eine digitale Nachbildung eines gedruckten Buchs. Feste Seitenstruktur, linearer Aufbau, alles in einem Block. Willst du nur ein Kapitel teilen? Pech gehabt. Brauchst du das Material in einem anderen Kontext? Kopieren, einfügen, formatieren – und die Verbindung zum Original ist weg.
PDFs sind noch schlimmer: Sie sind darauf optimiert, auf Papier gleich auszusehen. Nicht darauf, auf verschiedenen Bildschirmen gelesen, durchsucht oder weiterverarbeitet zu werden. Da ändert auch das neuste PDF Studio von Adobe nicht viel.
Was Liquid Content anders macht
Liquid Content bricht diese starre Struktur auf. Inhalte bestehen aus modularen Einheiten – «Bits», wenn man so will –, die einzeln adressierbar, durchsuchbar und wiederverwendbar sind.
Ein praktisches Beispiel: Stell dir ein Schulungsmaterial vor, das aus Text, Videos, Infografiken und Quizfragen besteht. Bei traditionellem Content ist alles zusammengeschweisst. Bei Liquid Content kannst du:
Einzelne Videos in verschiedenen Kursen wiederverwenden
Infografiken für Social Media extrahieren
Quizfragen in eine Prüfungs-App einbinden
Textabschnitte für verschiedene Zielgruppen anpassen
Und das Beste: Die Verbindung zum Original bleibt erhalten. Aktualisierst du den Ausgangsinhalt, können diese Updates überall dort einfließen, wo das Material verwendet wird.
Layers: Content mit Tiefe
Besonders clever wird es mit dem Layer-Konzept. Statt für jede Zielgruppe eine komplett neue Version zu erstellen, arbeitest du mit Ebenen:
Die Basis-Ebene enthält den Kern-Content
Darüber liegen Anpassungs-Ebenen: Kommentare für Fortgeschrittene, Übersetzungen, branchenspezifische Ergänzungen
Jeder Nutzer sieht nur die für ihn relevanten Layers
Das ist nicht nur effizienter – es vermeidet auch das klassische Problem, dass du bei Änderungen am Basis-Content hunderte abgeleitete Versionen manuell nachziehen musst.
Hatten wir das nicht schon mal?
Ja, absolut! Liquid Content ist keine komplett neue Erfindung, sondern baut auf verschiedenen Konzepten auf, die wir Publisher schon lange kennen.
Aber: Es gibt einen neuen Spieler, der das Konzept von Liquid Content auf ein völlig neues Level hebt: Künstliche Intelligenz.
Mit Hilfe von KI können wir Inhalte nicht nur modular strukturieren, sondern sie auch kontextualisieren – und zwar in Echtzeit, genau auf die Bedürfnisse des einzelnen Nutzers zugeschnitten.
Ein perfektes Beispiel dafür ist NotebookLM von Google. Du versorgst die KI mit deinen Quellen – Dokumente, Notizen, Artikel – und kannst daraus die Antworten auf genau deine individuellen Fragen herausziehen. Und das nicht nur als Text, sondern auch als:
Mindmap
Video
Podcast
Präsentation
Infografik
Inhalt, Kontext und Form werden im Moment der Nutzung definiert. Der Original-Inhalt fliesst buchstäblich und nimmt die benötigte Form an – genau dann, wenn sie gebraucht wird, genau so, wie sie gebraucht wird.
Das ist Liquid Content in seiner reinsten Form: Content, der sich nicht nur an verschiedene Kanäle anpasst, sondern der durch KI intelligent transformiert wird, um maximalen Mehrwert zu liefern.
Die Kombination aus strukturiertem, modularem Content und KI-gestützter Kontextualisierung könnte tatsächlich die Publishing-Revolution sein, von der wir schon lange sprechen.
Warum das wichtig ist
Wir leben in einer Zeit, in der Content überall ist – aber oft im falschen Format, zur falschen Zeit, für die falsche Zielgruppe. Liquid Content ist der Versuch, Inhalte endlich so flexibel zu machen, wie digitale Medien es eigentlich erlauben würden.
Es geht nicht darum, noch mehr Content zu produzieren. Sondern darum, vorhandenen Content besser nutzbar zu machen.
Jetzt interessiert mich: Kennt ihr das Konzept von Liquid Content? Arbeitet ihr bereits mit Systemen, die in diese Richtung gehen? Oder seht ihr Gründe, warum sich das nicht durchsetzen wird?
Ich bin gespannt auf eure Einschätzungen.
Zum Original-Text

Roman Schurter ist Contentmacher und nutzt gerne Wordpress und andere Tools, um Lerninhalte zu gestalten und online zugänglich zu machen. Besonders angetan ist er vom Content-FirstAnsatz. Daneben produziert er aber auch Marketing-Content für verschiedene Kunden. Gerne mit AI-Unterstützung.
