Warum Lokaljournalismus eine neue Blütezeit erleben wird

Media Next – die Zukunft der Lokalmedien #9: Heinz Alt hofft auf fruchtbare KI-Anwendungen

Published: 28.5.2026

Selten habe ich in den letzten Jahren so viel Dynamik im Zeitungsmarkt erlebt wie derzeit, u. a. ausgelöst durch Künstliche Intelligenz. Neue Technologien entfalten ihre Wirkung erst, wenn Menschen sie verstehen und nutzen wollen. Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem Verlage erkannt haben, dass sich mit KI und Algorithmen die Spielregeln grundlegend verändern, Strategien und Organisationen neu gedacht und echte Kompetenz aufgebaut werden muss. Medienhäuser, die die technologischen Möglichkeiten von heute nutzen, haben beste Chancen, eine neue Blütezeit des Lokaljournalismus zu erleben.

Der schon als Verkaufskandidat gehandelte Traditionsverlag „Nürnberger Nachrichten“ (VNP) hat zuletzt mit seinem KI-Ansatz für eine lebhafte Debatte in der Branche gesorgt. Mit einer Radikalkur und mithilfe von Künstlicher Intelligenz will das Team um Chefredakteur Michael Husarek nicht nur redaktionelle Prozesse automatisieren, sondern auch die lokale Berichterstattung ausbauen: 

  • Vier Blattmacher sollen künftig das vollständige Printprogramm mit täglich 100 bis 150 Seiten produzieren. Früher beschäftigte man dafür bis zu 43 Mitarbeitende – ein Rückgang des personellen Aufwands um rund 90 Prozent.

  • Und statt Inhalte zurückzufahren, wie in der Branche üblich, setzt der Verlag auf sublokale Inhalte. „Entgegen unserer ursprünglichen Annahme funktionieren sublokale Inhalte sehr gut digital“, so der stellvertretende Chefredakteur Armin Jelenik gegenüber dem Fachdienst „Kress“. Er spricht gar von einer „Renaissance des Lokalen“ (mehr lesen).
    Konkret funktioniert das so: Über ein Upload-Tool können registrierte Autorinnen und Autoren – Vereinsschreiber, Organisationen oder freie Mitarbeitende – Texte und Bilder einstellen. Eine KI unterstützt bei der Textproduktion und weist per Faktencheck auf Unstimmigkeiten hin. Eine Layout-Engine platziert die Inhalte anschließend in den Lokalteilen. Im Lokalsport werden Amateurfußball-Ergebnisse und Tabellen vollautomatisch ins Redaktionssystem importiert.

  • Und damit nicht genug: KI soll beim „VNP“ breit zum Einsatz kommen – vom Redaktionsalltag über den Abonnenten-Service bis zum Anzeigenverkauf. KI schaffe Freiräume – die der VNP gezielt in die Entwicklung neuer Produkte und die Qualität der journalistischen Inhalte investiere. „Wir sparen lieber bei Routine als bei Recherche“, verteidigt VNP-Chefredakteur Husarek den eingeschlagenen KI-Kurs gegen Branchenkritik (mehr lesen).

  • Als nächste Entwicklungsstufe plant der Verlag die weitere Automatisierung des Mantels zusammen mit der dpa.

Kein Journalismus ohne Dialog

Die Chancen von KI für den Lokaljournalismus stellte Louisa Riepe, Chefredakteurin der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, beim Branchentreff der „Medienhaus Next“ im Verlagsturm der Süddeutschen Zeitung in München-Englschalking vor (s. Foto). Tenor ihres Vortrags: „Journalismus, der keinen Dialog zulässt, verliert an Bedeutung.“

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Mit „frag noz“, „LokalPuls“ und „360° | Das Forum“ stellte sie gleich drei Formate vor, die beispielhaft zeigen, wie Journalismus dialogisch zugänglich wird. 200 tägliche Anfragen werden von dem KI-gestützten Chatbot „frag noz“ beantwortet, der dabei ausschließlich auf eigene Inhalte ihrer Zeitung zugreift.

Einen ähnlichen Ansatz, wie ihn übrigens auch das Medienstartup Moxios verfolgt, nutzt für seine Event- und Newsportale allerdings frei verfügbare Inhalte im Netz. In den letzten Wochen hat Moxios die Expansion seiner Portale (Betaversion) weiter vorangetrieben. Von Traunstein über Bochum bis Potsdam werden jetzt rund 50 Städte deutschlandweit KI-gestützt mit lokalen Veranstaltungshinweisen und – ganz neu – mit lokalen Sport- und Wetter-Nachrichten versorgt (s. Werbebanner).

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Was vor eineinhalb Jahren als Experiment zur redaktionellen Automatisierung begann – und an dem ich tatkräftig mitwirken konnte – hat sich zu einem Prototyp für eine andere Art von Verlagsbetrieb entwickelt, einem, in dem die KI die Schwerstarbeit übernimmt, der Redakteur aber weiter am Steuer sitzt. „Human-in-the-Loop“ heißt bei Moxios, dass die KI sehr viel automatisiert, aber Verantwortung, finale Freigaben und sensible Entscheidungen nicht ‚blind‘ an eine Maschine gehen. Gerade lokal ist Vertrauen entscheidend – deshalb kombiniert Moxios KI-Geschwindigkeit mit menschlicher Kontrolle.

Immer auch stellt sich die Frage, wie viel Automatisierung Lokalmedien vertragen. Das Credo von Mircea Popa, CEO und technologischer Kopf des noch jungen Startups: „So viel, wie Routine automatisierbar ist – und so wenig, dass Qualität, Einordnung und lokale Glaubwürdigkeit nicht leiden. Denn Automatisierung ist stark bei allem, was wiederkehrend ist: Ausspielung, Monitoring, Standardformate, Datenchecks. Aber Lokalmedien gewinnen nicht durch ‚mehr Output‘, sondern durch mehr Relevanz und Nähe.“

Übrigens, wer mehr über den KI-Ansatz von Moxios erfahren will: Die dpr-Digitalkonferenz systems@works am 11./12. Juni bietet dazu Gelegenheit. Zusammen mit Mitgründer und SEO-/KI-Experte Eduard Scheling gebe ich einen tiefen Einblick in Strategie und Entwicklung der Portale.

KI-gestützter Lokaljournalismus

Hoffnungsvoll stimmen auch die jüngsten Förderzusagen von den Ländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz für KI-gestützten Lokaljournalismus: Die Verlagsallianz „Drive“ hat diese öffentlichen Mittel für die Forschungsförderung mobilisiert, die Regionalverlagen zugutekommen sollen. Nach dem Land Nordrhein-Westfalen mit einer halben Million Euro hat jetzt auch Rheinland-Pfalz Geld für ein Projekt zur Verfügung gestellt – allerdings eine mit 26.000 Euro recht übersichtliche Summe.

Überzeugt habe die Länder der konzeptionelle Ansatz, „ein KI-gestütztes lokales Informationsangebot speziell für jüngere Zielgruppen zu entwickeln, eine Zusammenfassung der Nachrichten- und Stimmungslage einer Stadt durch einen niedrigschwelligen, personalisierten und kostenlosen Informationsservice am Morgen. Aus von der Zeitung bereitgestellten lokalen Nachrichten könnten zum Beispiel Angebote in leichter Sprache, in Fremdsprachen wie Türkisch, Arabisch oder Ukrainisch, für unterschiedliche Kanäle wie Newsletter oder Messengerdienste, in Audio- oder Video-Form werden“, wie „Kress“ schreibt (mehr lesen). https://kress.de/news/beitrag/152552-ki-gestuetzter-lokaljournalismus-auch-rheinland-pfalz-gibt-geld.html

Was die KI-Ära bereits in kurzer Zeit auch hervorgebracht hat, ist tatsächlich etwas Neues: Inseln der Kooperation – KI-Initiativen, die der Branche offenstehen: „AI for Media Network“ beim Bayerischen Rundfunk, Medialab Bayern in München oder „APA Digital Innovation“ in Wien sind reale und erwähnenswerte Beispiele.

Begrenzte Kollaboration über Mediengrenzen

Ganz neu am Start: Das Medienstudio des KI-Reallabors der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. Das KI-Labor bietet einen geschützten Raum, in dem Medienhäuser KI-Anwendungen unter realen Bedingungen kostenlos testen können, bevor sie in eigene Lösungen investieren (mehr lesen).

Und es gibt immer mehr projektbezogene bilaterale Experimente, wie etwa der Oktoberfest-Chatbot, der Inhalte des BR, von Ippen Media und Servicedaten der Stadt München kombiniert hat – mit durchschlagendem Erfolg für alle Beteiligten: Zwei Millionen Aufrufe, 90.000 Fragen. Das Niveau von Kollaboration über Mediengrenzen hinweg steckt dennoch hierzulande in den Anfängen und ist mit den Verhältnissen von Philanthropie und Forschung in den USA nicht annähernd zu vergleichen.

„Das Ende der Einheits-Nachricht“ beschreibt Markus Knall, Chefredakteur von „Ippen-Media“, in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte“, hier abrufbar.

Die KI ermögliche in Zukunft individuelle Formen der immer gleichen Informationsgrundlage. Je individueller der Zuschnitt, desto größer sei die Betroffenheit des Lesers. Knall nennt es „Hyper-Individualisierung der Inhalte“. Wie dies aussehen kann, haben Knall und sein Team zuletzt zur Kommunalwahl in Bayern unter Beweis gestellt. Just in Time konnten interessierte Bürgerinnen und Bürger den Stand der Auszählung je Gemeinde und/oder Stadt bis zur Feststellung des Wahlergebnisses mitverfolgen. Ohne Einsatz von KI nicht leistbar.

Dass dieser KI-Ansatz nicht zulasten der Auflagenentwicklung der Heimatzeitungen des Münchner Merkur geht, zeigen übrigens die aktuellen Auflagenzahlen. Ganz gegen den Trend hat die verkaufte Auflage der Merkur-Titel laut IVW im ersten Quartal 2026 um 6 Prozent zugelegt, davon sind 45.854 E-Paper-Abonnentinnen und -Abonnenten.

Mehr denn je geht es darum, Menschen im richtigen Umfeld und in der richtigen Lebenssituation mit Nachrichten zu erreichen, die sie direkt betreffen.

heinz

Heinz Alt ist selbstständiger Unternehmensberater und verfügt über mehr als 30 Jahre Verlagserfahrung in zahlreichen Führungspositionen, Geschäftsführung und Company-Building in verschiedenen Medienhäusern in Deutschland. Er berät Verlage, Medien-Start-ups und digitale Publisher und ist selbst Teilhaber einer aus einem Start-up erwachsenen App-Agentur. Seine Mission ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für Lokaljournalismus mit Fokus auf die junge Zielgruppe. Heinz Alt ist Mitgründer des neuen Medien-Start-ups MOXIOS. MOXIOS ist Publisher und bietet Verlagen und Lokalmedien die Möglichkeit, die KI-Infrastruktur für die Ausspielung eigener News zu nutzen, um Nachrichtenlücken zu schließen, Sichtbarkeit und Traffic zu erhöhen und Pionier zu sein beim Aufbau eines neuen, technikgetriebenen Journalismus.