Wie Jeff Bezos die Washington Post zum „Toast“ machte

Drei Prognosen, die ins Schwarze trafen: Sebastian Esser blickt zurück

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Prognosen in der Medienwelt sind oft ein gewagtes Spiel, doch manche Entwicklungen zeichnen sich mit erschreckender Klarheit ab. Unser Kolumnist Sebastian Esser illustriert dies an drei Beispielen.

Ich liege oft genug daneben; was wiederum in der Natur der Sache liegt. Ein Newsletter darf nicht langweilen, deswegen bemühe ich mich um aktuelle und leidlich originelle hot takes. Aber manche Verschiebung habe ich rückblickend betrachtet richtig gesehen. 

Washington Toast

Vor einem Jahr habe ich eine Blaupause mit dem Betreff „Washington Toast“ geschrieben. Mein Argument: Die Washington Post, eine der bedeutendsten Zeitungsmarken der Welt, ist erledigt. Weil ihr Eigentümer Jeff Bezos die redaktionelle Unabhängigkeit systematisch zerstört. Mein Post bei Linkedin hatte etwa tausend Likes, Verzweifelte aus Übersee schrieben mir lange Direktnachrichten. 

Erst hatte Bezos im Oktober 2024 der Redaktion verboten, eine Wahlempfehlung für Kamala Harris auszusprechen. Dann durfte eine Pulitzer-Preis-Karikaturistin ihren Cartoon nicht veröffentlichen. Schließlich ordnete Bezos per E-Mail an, dass das Meinungsressort nur noch Kommentare drucken darf, die „persönliche Freiheit und freie Märkte“ propagieren. 

Einer der reichsten Menschen der Erde, mit einem Vermögen von über 260 Milliarden Dollar, besuchte und finanzierte derweil die Amtseinführung von Donald Trump. Amazon zahlte Melania Trump gerade erst 28 Millionen Dollar für eine peinliche Schleim-Dokumentation. 

Heute wissen wir: Mehr als 250.000 Abonnentinnen und Abonnenten kündigten nach der verhinderten Wahlempfehlung. Nachdem Bezos seine Meinungsressort-Direktive erlassen hatte, folgten weitere 375.000 Kündigungen. Insgesamt hat die Zeitung in wenigen Monaten 15 Prozent ihrer zahlenden Leserschaft verloren. 

Knapp ein Jahr später zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe. In der vergangenen Woche hat die Washington Post ein Drittel ihrer Redaktion entlassen – rund 300 von 800 Journalist:innen. Das gesamte Sport-Ressort, die Literatur-Redaktion, der preisgekrönte Podcast „Post Reports“: weg. Die internationalen und lokalen Redaktionen: ausgedünnt bis zur Unkenntlichkeit. Drei Tage nach den Massenentlassungen trat CEO Will Lewis zurück. Marty Baron, der legendäre frühere Chefredakteur, warnt vor einer „Todesspirale“. 

Der Fachbegriff für sowas lautet Media Capture – Oligarchen kontrollieren Medien, um ihren autokratischen Geschäftspartnern gefällig zu sein. In Ungarn hat Viktor Orbán kritische Medien durch befreundete Oligarchen aufkaufen lassen. Andras Petho, Gründer des unabhängigen Investigativmediums Direkt36 (dessen Beirat ich angehöre) schreibt im Atlantic, wie die USA Orbán kopieren. Die Lektion aus Budapest: „Milliardäre und Medienmanager verteidigen gerne Pressefreiheit, solange die Risiken klein sind. Wenn es schwierig wird, kannst du dich auf sie nicht verlassen. Deshalb setzen wir auf unsere Leser.“ 

Raab in Gefahr

Im September 2024 war meine steile These: Dem linearen Privatfernsehen geht absehbar das Geld aus. Die privaten Fernsehsender sehen in ihren Umsätzen, dass ihr Geschäftsmodell zur Neige geht. Stefan Raabs 90-Millionen-Euro-Comeback bei RTL interpretierte ich als traurig anzusehenden Versuch, diesen Niedergang aufzuhalten, indem man Zuschauer zum Streamingdienst RTL+ lockt. 

Mein Update aus dem November: Die Sehdauer – die Anzahl der Minuten, die die werberelevante Zielgruppe am Tag mit Fernsehen verbringt – brach im dritten Jahr in Folge stark ein, im Sommer ein Negativ-Rekord. RTL-Deutschland-CEO Stephan Schmitter spricht von einem „Kipppunkt“, der erst 2029 kommen sollte, dann 2026. 

Jetzt musste schneller gehen, als irgendwer geplant hatte. Der TV-Werbemarkt schrumpfte auch im zweiten Halbjahr 2025 im hohen einstelligen Prozentbereich. RTL entließ im Dezember 600 Mitarbeitetende. ProSiebenSat.1 ging an Berlusconi. Schlussverkauf. 

Stefan Raab floppt derweil von Woche für Woche schlimmer. Jüngster Tiefpunkt: Ein antisemitischer Dschungel-Einspieler. Ich wünschte, er würde uns erlösen. 

Plattmach-Plattform

Im November 2024 habe ich beschrieben, wie ChatGPT versucht, der nächste große Distributionskanal zu werden, vergleichbar mit Google, Facebook und dem iPhone. Wie bei jeder Plattform ist der böse Plan: Erst dominieren – herausfinden, was sie unangreifbar macht. Dann öffnen – ein Ökosystem schaffen, in dem andere aufbauen können, kostenlose Schnittstellen, virales Wachstum, Umsatzbeteiligung. Schließlich kassieren – was vorher umsonst war, kostet plötzlich; die Plattform beginnt, mit ihren Partnern zu konkurrieren. 

Zitat Esser: „Alle Webseiten, inklusive digitale Medien, bauen ab jetzt eigene ChatGPT-Apps. Wer kann riskieren, beim nächsten großen Distributionskanal nicht dabei zu sein?“ Drei Monate später, im Januar 2025, kündigte OpenAI genau das an: ein SDK und ein Agent Kit, mit denen Entwickler ihre Dienste direkt in ChatGPT einbauen können. Canva, Booking, Spotify, Zillow und viele andere mehr bauen Integrationen. ChatGPT ist nicht mehr nur ein Chatbot, sondern eine Plattform, über die andere ihre Produkte ausliefern. 

Parallel legte OpenAI ein „Preferred Publisher Program“ auf, das großen Verlagen eine bevorzugte Platzierung in den Chat-Antworten garantiert, und sie bekommen Kohle dafür. Kleine Verlage und unabhängige Medienmacher gehen natürlich leer aus. Ich hatte im Mai 2024 geschrieben: „ChatGPT wird große Verlage bevorzugen und sie auch noch mit Geld überschütten.“ 

Wobei ich mir inzwischen nicht mehr sicher bin, ob OpenAI das Wettrennen mit Google um die KI-Welt-Dominanz überleben wird. 

Der strukturelle Wandel der Öffentlichkeit schreitet voran, von großen institutionellen Medienmarken hin zu einer neuen, noch nicht fertig gebauten Infrastruktur. Die alten Institutionen zerkrümeln — die Washington Post unter dem Gewicht eines gleichgültigen Milliardärs, das deutsche Privatfernsehen unter dem Druck schwindender Werbeeinnahmen, die gesamte Medienbranche unter der Gravitationskraft neuer KI-Plattformen, die den Zugang zum Publikum kontrollieren. 

Viele von uns leben gedanklich in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Das ist gefährlich, denn wenn der Kipppunkt da ist, sind wir nicht gut vorbereitet. Amerikanische, chinesische, russische Plattformen werden aufsammeln, was uns gerade durch die Finger rinnt. Das war ein Zitat. 

Sorry!! 

Seabstian_Esser

Sebastian Esser ist CEO der Membership-Plattform Steady und Herausgeber des mitgliederfinanzierten Magazins Krautreporter. Jeden Montag erscheint sein kostenloser Newsletter „Blaupause“ für Medien-Gründer, Community- Betreiber und Abo-Anbieter (steady.de/sebastian).